Zivilgesellschaft stärken

Rückblick: »Kriegskinder – Lebenswege bis heute«

»Kriegskinder – Lebenswege bis heute« startete als zweijähriges Modellprojekt im August 2011 zur Förderung des Dialog zwischen den Generationen. Im Fokus standen die Kindheits- und Jugenderlebnisse der Generation 70 plus. Dabei kamen Jugendliche sowie Seniorinnen und Senioren aus Neustrelitz, Saalfeld und Schwedt zusammen.
Zum Vermitteln von Geschichte wurden verschiedene Ansätze gewählt, darunter Stadtführungen, Erzählcafés und Schreibwerkstätten.
Mit dem Projekt wurde die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Zusammenhalt vor Ort durch intergenerativen Dialog ausgebaut. Ältere Menschen erhielten die Gelegenheit, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. Jüngere Generationen erarbeiteten sich im persönlichen Austausch neue Einblicke in die Zeitgeschichte. Und alle Projektteilnehmenden verbesserten das Verständnis für unterschiedliche Lebensweisen, indem die ihnen zu Grunde liegenden Erfahrungen und (Vor-)Geschichten erkundet wurden.

Handreichung zum Projekt »Kriegskinder«
Shop Handreichung »Kriegskinder - Lebenswege bis heute«

Die Handreichung zum Projekt finden Sie in unserem Onlineshop.

Neustrelitz

Die Stadt Neustrelitz liegt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Alle weiterführenden Schulen beteiligten sich am Projekt und motivierten viele Jugendliche, ihre Fragen an ältere Menschen aus Neustrelitz zu stellen. Dreh- und Angelpunkt des Projektes war das Kunsthaus Neustrelitz, das als Ort für viele Begegnungen und Veranstaltung genutzt wurde.  Andreas Grund, Bürgermeister der Stadt Neustrelitz, übernahm die Schirmherrschaft des Kriegskinder-Projekts in Neustrelitz.

»Dein Engel« – Eine musikalische Erinnerung

Theresa-Marie Hetzel und Laura Kollhoff führten Zeitzeugengesprächen mit der Neustrelitzerin Gerda Lempke. Über das, was sie besonders beschäftigte, schrieben sie das Lied »Dein Engel«. Die Komposition stammt von Theresa-Marie Hetzel. Auf der Auftaktveranstaltung der Geschichtsmeile in Neustrelitz am 7. März 2013 haben sie das Lied in Anwesenheit von Gerda Lempke aufgeführt.

 

Studienfahrt gegen das Vergessen

September 2013, Berlin. Um an das Schicksal von fünf Sinti-Kindern zu erinnern, die im März 1943 aus einem katholischem Kinderheim in Neustrelitz nach Auschwitz deportiert wurden und dort ihr viel zu kurzes Leben verloren, organisierten unsere drei Freiwilligen Annika, Simon und Katina im Sommer 2013 eine generationsübergreifende Studienfahrt in den polnischen Ort Oswiecim und die Gedenkstätte Auschwitz.
Um den Kindern aus Neustrelitz und den anderen Ermordeten zu gedenken, wurde im Juni 2012 eine Gedenktafel mit den Namen der Kinder am Kinderheim Neustrelitz enthüllt. In einem privaten Fotoalbum von Kaplan Kottmann fand sich ein Foto vom Abtransport der fünf Jungen. Diese Aufnahme ist die einzig bekannte, die nicht aus Täterperspektive entstand und Sinti und Roma während der Deportation zeigt.

Von Neustrelitz nach Auschwitz

Die eigenverantwortliche Arbeit der Freiwilligen wurde vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk unterstützt und fand im Rahmen des Projektes »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« statt. Ein Großteil der Jugendlichen, die an der Reise teilnahmen, haben bereits im Kriegskinder-Projekt Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt und so persönliche Einblicke in die Zeit zwischen 1933 und 1945 erhalten. Zusammen mit den Jugendlichen, die zwischen 14 und 16 Jahren alt waren, fuhren auch Neustrelitzer Seniorinnen und Senioren mit nach Polen.
Annika, Simon und Katina war es besonders wichtig, alle Teilnehmenden mit ihren pädagogischen Konzepten gleichermaßen anzusprechen. Trotz des großen Altersunterschieds von bis zu 66 Jahren gelang es den Freiwilligen, für alle Mitreisenden neue Erfahrungen und Geschichte zu sammeln. Im Dialog haben die Jugendlichen sich mit den Lebensgeschichten der älteren Generation auseinandergesetzt. Nur eine freundliche und respektvolle Atmosphäre ermöglichte Gespräche, die sich mit einem so sensiblen Thema wie dem Holocaust befassen.

Lokale Geschichte neu erleben


Auf der sechstägigen Gedenkstättenfahrt befassten sich die Teilnehmenden vor allem mit den letzten Lebensmonaten der sechs Jungen aus dem Kinderheim. Die Geschwister Fritz (4 Jahre) und Paul Wagner (7 Jahre), Max Groß (9 Jahre), Franz Rose (13 Jahre) und Axel Rose (10 Jahre) wurden zusammen mit ihren Familien in das sogenannte »Zigeunerfamilienlager« in Auschwitz-Birkenau deportiert und dort 1944 ermordet.
Der lokale Bezug durch das Schicksal der Sinti-Kinder und demselben Wohnort der Mitreisenden führte zu einer stärkeren Verbundenheit mit dem Thema. Alle Reisenden bewerteten die Studienfahrt als persönliche Bereicherung und begrüßten die Idee, die Geschichte des eigenen Wohnortes erforschen und hinterfragen zu können.

»Menschliche Bibliothek« – Lebendige Bücher in Neustrelitz

Vier Zeitzeuginnen und ein Zeitzeuge aus Neustrelitz waren Teil der »Menschlichen Bibliothek« in der Stadtbibliothek Neustrelitz am 18. März 2013. Als »lebende Bücher« berichteten sie Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 der Förderschule von ihren Erlebnissen im Krieg und der Zeit danach.
Neben den Schülern waren interessierte Erwachsene unter den Zuhörenden. Die Zeitzeuginnen berichteten zunächst von ihrer Kindheit und ihren Familien. Die Schülerinnen und Schüler stellten Fragen zu den Freizeitbeschäftigungen, der Schule, aber auch zum ersten Freund oder Freundin. Die Gespräche entwickelten sich dabei individuell. Über die Interessen der Jugendlichen wurden die Gespräche lebendig. Sie erlaubten den Schülerinnen und Schülern, die Verbindungen zu ihrem eigenen Leben zu ziehen und Parallelen zu entdecken.
Für viele der jungen Menschen war die Veranstaltung die erste Begegnung mit »Kriegskindern«. Und die vielen Nachfragen bezeugen, dass in den »lebenden Büchern« sehr gern gelesen wurde.

Auftakt

Am 11. Juni 2012 eröffneten Bürgermeister Andreas Grund und Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb im Neustrelitzer Rathaus das Projekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute«. Zu Beginn der Auftaktveranstaltung erläuterte Thomas Heppener, damaliger Direktor des Anne Frank Zentrums, die Ziele des Projekts: Das Projekt will die gesellschaftliche Teilhabe fördern, Vorurteile zwischen den Generationen abbauen und Verständnis stärken.

Auch Lan Böhm, Referentin des Förderprogramms »Zusammenhalt durch Teilhabe«, betonte das Ziel, verschiedene Altersgruppen zusammenzubringen, um durch diesen Austausch den Zusammenhalt vor Ort zu stärken.

Im Gespräch mit Projektleiter Timon Perabo berichteten verschiedene Teilnehmende von ihren Ideen und den bisherigen Erfahrungen: So will z.B. die Theatergruppe des Familienzentrums Neustrelitz an einem Theaterprojekt arbeiten. Und die Jugendlichen Michèle und Lea führten bereits ein Zeitzeugeninterview und waren beeindruckt über die – trotz der Kriegserlebnisse – positive Lebenseinstellung ihrer Gesprächspartnerin. Erste Erfahrungen eines Erzählcafés zeigen, dass das Thema Kindheit im Krieg sehr sensibel angegangen werden muss, da es Erinnerungen wachruft, die mit starken Emotionen verbunden sind.

Mathias Brodkorb, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur von Mecklenburg-Vorpommern dankte allen Menschen, die bereit sind, aus diesem weit zurückliegenden Teil ihres Lebens zu berichten. Er wies auf die Bedeutung hin, die eine Auseinandersetzung mit Zeugen von Krieg und Diktatur für Menschen heute hat: Gerade diese Geschichten zeigten, wie wertvoll der Erhalt von Frieden und Demokratie sei. Anschließend übergab er gemeinsam mit Thomas Heppener die Schirmherrschaft des Projekts an Bürgermeister Andreas Grund.
Zwei weitere besondere Gäste ergänzten das Programm: Die Historikerin Annette Leo erläuterte die Besonderheiten von Erinnerung an den Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, übergab Herrn Grund ein Gedenkbuch mit den Namen von aus Neustrelitz nach Auschwitz deportierten Sinti-Jungen, für die im Anschluss an die Veranstaltung ein Gedenkstein eingeweiht wurde.

»Sechs Tage im Leben eines Sechzehnjährigen – April 1945, Neustrelitz«

Eine theatrale Annäherung an die Lebensgeschichte Otto Teuschers durch die Theatergruppe »Durchgespielt« des Familienzentrums Neustrelitz
von Martina und Klaus Herre, Leiter der Theatergruppe »Durchgespielt«

Am Anfang stand eine Begegnung von Martina und Klaus Herre, den Theatergruppenleitern im August 2012: »Wir stehen mit einem Kuchenpaket vor Otto Teuschers Tür. Auf seinem Balkon verbringen wir einen langen erzählintensiven Nachmittag. Herr Teuscher ist bereit, uns aus seinem Leben als Jugendlicher zu erzählen. Zunächst hören wir einfach nur zu. So langsam zeichnet sich eine Geschichte ab, die uns sehr interessiert.« Diese Geschichte erzählte Herr Teuscher später den Jugendlichen der Theatergruppe. Sie konnten Fragen stellen und näherten sich so dem Thema.

Ziel des Theaterstückes war es, die Verführbarkeit junger Menschen für den Krieg zu zeigen. Um diese Geschichte Otto Teuschers in Szene zu setzen, wurde intensiv nach einer geeigneten Form für das Spiel gesucht. Es sollte kein Stück entwickelt werden – vielmehr eine Art szenische Lesung. Johannes, 16 Jahre alt, spielte den sechzehnjährigen Erich. Die anderen Spieler agierten aus einem »Erzählkreis«, aus dem die Impulse und die anderen Figuren entstanden. Ein Jugendlicher drehte mit einer Kamera kleine Filmsequenzen, die in einzelnen Situationen eingespielt wurden, um eine Stimmung zu unterstützen. So wurde zum Beispiel eine Straße mit Kopfsteinpflaster eingespielt, um seine Reise mit dem LKW nach Bad Sülze zu zeigen. Zur Erarbeitung gehörte auch ein Besuch im Stadtarchiv. Dort las die Gruppe in Originalzeitungen aus den letzten Tagen vor dem Einmarsch der Roten Armee in Neustrelitz. Mit dem Artikel »Ein Wort an die Neustrelitzer« und verschiedenen Annoncen aus den letzten Kriegstagen begann das Spiel.

Während der Probenarbeit wurden nicht nur historische Begebenheiten betrachtet, sondern die Gruppe beschäftigte sich auch immer wieder mit Bezügen zur Gegenwart. Was geschah und was geschieht heute? Schnell stand die Frage im Raum, warum der Krieg geschehen konnte. So wurde es für alle Personen der Gruppe wichtig, sich selbst zu hinterfragen: Wie verhalte ich mich in Situationen, in denen ich nicht wegschauen darf? Martina und Klaus Herre schreiben dazu: »In Neustrelitz wurden genau zu dieser Zeit Stolpersteine beschädigt, was uns alle besonders berührte. Deshalb wollten wir unser Ergebnis mit Berichten aus der heutigen Zeit beenden, in denen über Hakenkreuzschmierereien in Mecklenburg-Vorpommern und über die NSU-Morde berichtet wurde, aber auch über die Tatsache, dass Jugendliche vom Gymnasium Carolinum in Neustrelitz Patenschaften für die Stolpersteine übernommen haben.«

Die Geschichte des Stückes soll nun kurz erzählt werden:
Erich, ein Hitlerjunge aus Neustrelitz wird in den letzten Kriegstagen zu einem Wehrertüchtigungslager der SS nach Bad Sülze einberufen. Da die russische Armee immer näher rückt, sind plötzlich alle SS-Ausbilder weg. Jeder ist auf sich selbst gestellt. Er nimmt sich ein Gewehr und 1.000 Schuss Munition und macht sich, bekleidet mit einem SS-Hemd, auf den Weg. Per Anhalter fährt er zunächst nach Rostock. Dort wird er von einer Familie aufgenommen und bringt sie durch das Gewehr, die Munition und das SS-Hemd in Gefahr. Wie geht es weiter? Die russische Armee macht einen Kordon um Rostock. Er muss weg, endlich wieder nach Hause. Aber wie kommt er nach Neustrelitz? Es fährt kein Zug, kein Bus. Ausgangssperre, Flüchtlingsströme überall und immer zieht die Angst mit, wie es den Eltern in den letzten Tagen ergangen ist. Man hört Schlimmes. Leben seine Eltern noch? Gibt es das überhaupt noch, sein Zuhause?
Sich spielerisch solchen Erfahrungen zu nähern, die nicht die eigenen sind, ist für Jugendliche eine Möglichkeit, sich emotional mit fremden Situationen auseinanderzusetzen. Ein spannender Prozess, den die Jugendlichen (13 bis 16 Jahre) in ihren eigenen Rückmeldungen widerspiegeln:

Johannes: »Die Geschichte von Herrn Teuscher hat mich sehr bewegt. Ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können, weil es sehr spannend, aber zugleich auch traurig und bewegend war. Wir konnten es uns gar nicht vorstellen, wie es früher war, bis wir versucht haben, die Geschichte nachzuspielen. Dabei wurde uns einigermaßen klar, wie sich die Leute damals gefühlt haben müssen, nur herum geschubst und kommandiert zu werden. Ich konnte es mir kaum vorstellen. Das, was wir spielten, musste Herr Teuscher 1945 alles alleine durchstehen.«

Martin: »Die Geschichte von Herrn Teuscher war sehr bewegend. Es war zum einen erschreckend, was er alles durchmachen musste. Aber es war auch erstaunlich und faszinierend, wie ihm manche Menschen in dieser schwierigen Zeit geholfen haben. Bei den Proben konnte man sich immer mehr in die Geschichte hineinversetzen.«

Paulina: »Ich fand es eine neue Erfahrung. Es war dieses Mal viel schwerer als sonst beim Theaterspiel, da das alles wirklich passiert ist und unsere Bezugsperson bereit war, uns immer mehr zu erzählen. So mussten wir uns immer wieder überlegen, was ist der Kern in der Szene, wo könnte man was einbauen, was ist überflüssig …
Ich fand es aber auch gut und wichtig, wie wir den Übergang von damals zu heute hinbekommen haben. Das zeigt, wie krass diese Zeit noch jetzt auf uns wirkt und wo heute Gefahren bestehen.«

Alma: »In manchen Momenten war ich kurz vor den Tränen. Ich bin gerade echt schockiert von dieser Brutalität der Offiziere. Der Hund in unserer Geschichte ist echt das einzig Lustige an diesem Stück. Max, wie du den Offizier gespielt hast, das macht mir Angst.«

Max: »Krieg. Was ist das? Wir kennen es nicht. Es war für alle etwas ganz besonderes, denn alles was wir gespielt haben, ist in der Realität wirklich passiert. Für mich persönlich war es eine wirklich spannende und zugleich schwierige Aufgabe, den SS-Offizier zu spielen. Ich glaube, dass wir uns gut in die Lage hineinversetzen konnten, aber dennoch können wir es nicht wissen, wie es genau war und was es heißt, im Krieg zu leben. Welch ein Glück für uns …«

Eindrücke aus dem Projekt der Nehru-Schule

Oktober 2012, Neustrelitz. »Das Leben ist schön!« Mit diesem Satz überraschte eine 103-jährige Frau, die zwei Weltkriege erlebt hat, eine 9. Klasse aus Neustrelitz. Die Klasse 9a von der Jawaharlal-Nehru-Schule aus Neustrelitz interviewte im Rahmen des »Kriegskinder«-Projektes Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben und erforschten die Geschichte der ehemaligen sogenannten »Landesirrenanstalt« an der Domjüch. Hier schildern die Schülerinnen Luisa Nowitzke und Sophie Boelke ihre vielfältigen Eindrücke aus den ersten Interviews.
Von Luisa Nowitzke und Sophie Boelke, Schülerinnen der Nehru-Oberschule, Neustrelitz

»Unsere erste Begegnung hatten wir mit einer 103jährigen Frau, die als junge Frau Krankenpflegerin in der Landesirrenanstalt an der Domjüch in Neustrelitz war. Sie erzählte uns viel Erstaunliches, auch Lustiges, und sehr viele Dinge, die uns Tränen in die Augen trieben. Gerade deswegen staunten wir, dass sie immer wieder den gleichen Satz wiederholte: >Das Leben ist schön!. Wir waren von dieser starken Frau verdammt beeindruckt!

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Nervenheilanstalt Domjüch als sogenannte Zwischenanstalt für zahlreiche Behinderte oder im Sinne der NS-Ideologie für lebensunwert befundene Menschen zur Durchgangsstation in die Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg oder im Rahmen der Aktion T4 in die NS-Tötungsanstalt Bernburg.

Unser zweites Gespräch führten wir mit dem 85jährigen Herrn H. Er besuchte uns in der Schule, um uns von seinen Kriegserlebnissen als Jugendlicher zu erzählen. Wir waren alle sehr gespannt und stellten uns viele Fragen: Was wird er uns wohl erzählen? Wie fit wird er sein? Wie geht es ihm beim Erzählen? Wird er uns vertrauen? Auch dieses Mal wurden wir nicht enttäuscht. Er erzählte sehr viel und sehr spannend und wir hatten auch das Gefühl, dass er es uns gern erzählte. Mit dem Satz »Man ist nie zu alt, um zu lernen« erwischte er uns kalt. Denn uns geht das Lernen manchmal echt auf den Wecker!

Auch Herr B. kam zu uns. Er hat die Zeit des Zweiten Weltkrieges als Kind erlebt. Uns wurde mulmig bei der Erzählung, wie er als 10jähriger Junge seinen Vater besuchte, der in einer Firma in Auschwitz arbeitete. Im Winter 1945 musste er mit seiner Familie aus Neustadt in Schlesien fliehen. Zwar kehrte er kurze Zeit später zurück, aber unter welchen Bedingungen! »Eine Emaille- Schüssel, ein Löffel und eine Decke – das war alles, was uns geblieben war.« Darauf mussten sie dann besonders Acht geben. Auf der Flucht waren sie auch in Ravensbrück untergebracht. Dort zählten die Kinder jeden Morgen die Toten vor den Baracken. Wir waren schockiert.

Beteiligte Organisationen

Folgende Neustrelitzer Organisationen haben am Projekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« mitgewirkt:

  • »Bei uns in Kiefernheide« e.V.
  • Demokratischer Frauenbund Neustrelitz e.V.
  • Evangelische Kirche Neustrelitz
  • Familienzentrum Neustrelitz
  • Gymnasium Carolinum Neustrelitz
  • Integrierte Gesamtschule »W. Karbe« Neustrelitz
  • Jugendclub »Bluebox« Neustrelitz
  • Katholisches Kinder- und Jugendhaus Neustrelitz
  • Kunsthaus Neustrelitz e.V.
  • Museum Neustrelitz
  • Regionale Schule »J. Nehru« Neustrelitz
  • Regionalzentrum für demokratische Kultur Mecklenburgische Seenplatte
  • Stadt Neustrelitz
  • Stadtbibliothek Neustrelitz
  • Verein zum Erhalt der ehemaligen Landesirrenanstalt Domjüch e.V.
  • Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
  • Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)
Saalfeld

Die Stadt Saalfeld/Saale liegt im Südwesten Thüringens, am Rande des Thüringer Waldes. Das Amt für Jugendarbeit, Sport und Soziales der Stadt nahm sich von Anfang des Projektes an und bezog viele Akteure mit ein. Ein Großteil der Aktivitäten lief zudem beim Stadtmuseum zusammen, das am Ende des Projektes eine umfangreiche Ausstellung zu Kriegskinder-Geschichten aus Saalfeld zeigte.  Matthias Graul, Bürgermeister der Stadt Saalfeld, übernahm die Schirmherrschaft des Kriegskinder-Projekts in Saalfeld.

Jugendliche sprechen mit Zeitzeugen aus Israel

Im Rahmen des Kriegskinder-Projektes besuchte der Zeitzeuge Zvi Aviram das Heinrich-Böll-Gymnasium in Saalfeld. Um die Perspektive jüdischer Kinder während des Krieges in das Projekt zu integrieren, haben wir Herrn Aviram, der heute in Israel lebt, eingeladen über seine Erfahrungen zu berichten.

Zvi Aviram ist 1927 in Berlin geboren und aufgewachsen. Im Februar 1942 taucht er unter, nachdem seine Eltern im Rahmen der sogenannten Fabrik-Aktion deportiert wurden. Er muss immer wieder sein Versteck wechseln, wird aber in einer Laube gefunden und in die Sammelstelle Große Hamburger Straße gebracht. Dort gelingt ihm die Flucht aus einem Kellerfenster. Er versteckt sich dann in einer Wohnung in Berlin-Wedding, doch auch dort wird er in entdeckt und kommt in das Gefängnis im jüdischen Krankenhaus. An diesem Ort wird er im April 1945 befreit und wandert 1948 nach Palästina aus.
Teilnehmende des Gespräches waren Jugendliche, die schon im Rahmen des Projektes »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« Interviews mit Zeitzeugen geführt hatten und nun eine Lebensgeschichte eines jüdischen Überlebenden kennenlernen sollten. Dies war für uns besonders wichtig, da am Projektort Saalfeld keine Juden mehr wohnen, die als Kinder Krieg, Nationalsozialismus und Judenverfolgung erlebt hatten. Wenn es darum geht, die Zeit des Krieges und Nationalsozialismus anhand von persönlichen Geschichten von Kriegskindern zu erkunden, darf diese Perspektive nicht fehlen.
Da die Jugendlichen bei dem Gespräch in Saalfeld eigene Fragen stellen sollten, wurden eine Woche vor dem Gespräch zwei Vorbereitungsworkshops, für jeweils eine Klasse, durchgeführt. Die Referentin erarbeite mit ihnen gemeinsam die Themen Emigration, Flucht und Exil. Danach stellte sie Zvi Aviram kurz vor. Im zweiten Teil des Workshops wurden Fragen für das Gespräch entwickelt. Für die weitere Projektarbeit erhielten alle Jugendlichen eine Aufgabe für das Gespräch. Eine Gruppe stellte die Fragen, eine andere dokumentierte das Gespräch mit Fotos und eine weitere Gruppe schrieb ein Protokoll. Aus diesen Materialien entstand der beigefügte Bericht der Jugendlichen.
Die Schülerinnen und Schüler waren sehr berührt von dem Gespräch mit Zvi Aviram, der wiederum froh über die Möglichkeit war, seine Erfahrungen an junge Menschen in Deutschland weiter zu geben.  Das Gespräch der Saalfelder Schülerinnen und Schüler mit Zvi Aviram wurde durch die Zuwendung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft ermöglicht.

»Fundstücke« – Sonderausstellung im Stadtmuseum Saalfeld

26. März 2013, Saalfeld. Die Ausstellung im Stadtmuseum bildete einen Höhepunkt der Veranstaltungsreihe »Lebenswege. Saalfelder Generationen im Dialog«. Sie war Ergebnis des Projektes »Kriegskinder – Lebenswege bis heute«, das mit maßgeblicher Unterstützung des Anne Frank Zentrums begann.

Präsentiert wurden Zeitdokumente von Bürgerinnen und Bürgern aus Saalfeld und Umgebung: Es waren Alltagsgegenstände, Fotografien, Tagebücher und Briefe, die aus ganz Saalfeld und der Umgebung zusammengetragen wurden und mit denen sich meist ganz persönliche Geschichten verbanden.

Die Ausstellung zeigte das Fluchtgepäck von Vertriebenen aus Nieder- und Oberschlesien, wie etwa zwei alte Köfferchen, in denen auf die Schnelle einige Habseligkeiten verstaut wurden. Kinderschuhe, schweres Schusterwerkzeug, Schlittschuhe …
Zu entdecken waren auch Milchkannen, Töpfe und Dosen, die in der Nachkriegszeit aus Kartuschen, Stahlhelmen und Sprengköpfen von Panzerfäusten hergestellt wurden. Aus Uniformteilen entstanden Taschen und Kleidungsstücke. Aus Abfallholz wie Zigarrenkisten wurden kleine Autos gebaut, Garnrollen eigneten sich für dazugehörige Räder. Ein Wasserflugzeug en miniature, eine Dornier DoX, bastelte ein Köditzer im Jahr 1940 aus Blech. Eine Leihgeberin erklärte, dass die zur Verfügung gestellte Schürze aus Militärbettwäsche und dem Stoff einer Hakenkreuzfahne genäht wurde. Den Bombenangriff auf Saalfeld am 7. und 9. April 1945 hielt ein 13jähriger Junge in seinen Bildern fest, andere schrieben Tagebuch. Fünf Hörstationen präsentierten Zeitzeugeninterviews, die von Schülerinnen und Schülern des Heinrich-Böll-Gymnasiums durchgeführt worden sind.
Zur Eröffnung führte die Kuratorin Claudia Streitberger mit einem Vortrag in die Ausstellung ein. Schüler trugen Auszüge aus Tagebuchaufzeichnungen vor und umrahmten die Veranstaltung musikalisch. Studierende der Medizinischen Fachschule Saalfeld luden anschließend zu einem Buffet mit zeittypischen Gerichten: vegetarisches Fett, Marzipankartoffeln aus Grieß, Bonbons mit Haferflocken.
Die Ausstellung bewegte viele Menschen. Auch später trugen Besucherinnen und Besucher Erinnerungsstücke und Aufzeichnungen bei. Begleitveranstaltungen wie Lesungen, Filme, Sonderführungen und die regelmäßig stattfindenden Klostergespräche hielten das Interesse wach.
Die Ausstellung zeigte die schwere Zeit aus lokaler Sicht und gibt Anregung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im intergenerativen Dialog. Sie bildete damit einen weiteren Mosaikstein der kollektiven Erinnerung in Saalfeld.

Filmsommer in Saalfeld

Das alljährliche Sommerkino-Programm des Saalfelder Jugendzentrums Kleiststraße stand 2012 im Zeichen des intergenerativen Projekts »Kriegskinder – Lebenswege bis heute«: Im September wurden drei Filme präsentiert, die sich mit dem Thema Krieg aus der Sicht von Kindern auseinandersetzen: »2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß«, »Voces Inocentes« (Spanisch für »Unschuldige Stimmen«)und »Der Krieg ist aus«.

»So ist es immer schon gewesen?!«

Bericht zur Öffentlichen Konfirmandenstunde am 26. Februar 2013 von Pastorin Barbara Fischer, Saalfeld

Zur öffentlichen Konfirmandenstunde lud die Kirchgemeinde Saalfeld am 26. Februar 2013 ins Evangelische Gemeindehaus in Saalfeld ein.
Zwei Frauen und ein Mann im Alter zwischen 75 und 88 Jahren, Mitglieder der Kirchgemeinde, berichteten über ihre Kindheit und Jugend zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Im Vorfeld hatten einige unserer rund 40 Konfirmandinnen und Konfirmanden Fragen vorbereitet.
Die drei erzählten aus ganz unterschiedlichen Hintergründen von ihren Erlebnissen. Eine Frau beispielsweise hatte als alteingesessene Saalfelderin die gesamte Kriegszeit in Saalfeld erlebt. »Ich weiß noch genau, wie die Nachbarvilla des Gemeindehauses beim Bombenangriff zerstört wurde, gerade da, wo ihr jetzt aus dem Fenster seht«,  erinnerte sie sich.
Die andere Seniorin, aufgewachsen in Magdeburg, hatte ihre Konfirmationsurkunde aus dem Jahr 1938 mitgebracht und reichte sie in der Runde der Jugendlichen herum.
Von seiner Kindheit und Jugend in Schlesien schließlich berichtete der dritte Gast.
Eine Stunde lang hörte das überwiegend junge Publikum gespannt zu. Die Fragen drehten sich um das damalige Familienleben, das oft von einem Aufwachsen ohne Väter geprägt war; um alltägliche Dinge wie Kleidung und Essen, aber auch um die Themen des damaligen Konfirmandenunterrichts oder die Kleiderordnung zur Konfirmation.
Viel zu schnell verging die eine Stunde. Die Zeitzeugenberichte waren sehr anrührend, eindrücklich und ehrlich. Die Jugendlichen konnten spüren, wie die drei Kriegskinder die damaligen Erlebnisse auch heute noch bewegt. Es war eine interessante Stunde in großer Offenheit, die wir miteinander erleben konnten.

»Manchmal sagt der Opa Sachen, …«

29. Oktober 2012, Saalfeld. Saalfelder Jugendliche entwickelten ein Theaterstück zum Thema »Kriegskinder«. Auf dem Weg zur fertigen Inszenierung gingen sie dabei unterschiedliche Wege: Beispielsweise bearbeiteten die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler des musischen Zweiges Lieder von Gerhard Schöne und bezogen sie spielerisch ein. In ihnen spiegelten sich jene Erinnerungen wider, die die Zeitzeugen schilderten.
Von Carola Biehl, Lehrerin am Heinrich-Böll-Gymnasium Saalfeld

Nach Abschluss der Interviewphase im Juli musste mit dem Schuljahresbeginn ein gangbarer Weg zur Inszenierung gefunden werden. Den bestritten zuerst die Jugendlichen. Beim Herantasten an erste Spielideen wurde über Improvisieren und die Methode des Standbildbauens eine Brücke zu alten Fotos geschlagen. Auf die Frage »Welche Elemente eures Lebensgefühls heute möchtet ihr im Stück zeigen?« wurde schnell klar, dass Musik und Tanz als Ausdruck menschlichen Lebensgefühls zu allen Zeiten dieses Bindeglied zwischen den Saalfelder Generationen sein soll.
Da die zahlenmäßig sehr starke Gruppe die Verantwortlichen vor Herausforderungen stellte, erwies sich die Methode des chorischen Theaterspiels als ein gangbarer Weg. Intensive Übungen mit selbstgemachten Rhythmen und einfachen Choreographien schulten für die erste »Massenszene«. Die Idee dazu kam aus den Interviews. Mehrere Zeitzeugen berichteten von den regelmäßigen Aufmärschen der Hitlerjugend (HJ) und des Bundes deutscher Mädel (BdM) in Saalfeld und wie diese empfunden wurden. Zu den Bildern dieser Ereignisse übten die Schülerinnen und Schüler schon die Standbilder. Warum diese Elemente nicht gleich nutzen?
Blieb die Frage, was man auf der Bühne zeigt und wie sich beide Generationen darin wiederfinden. Die Spielidee reifte. Entstehen wird eine mit dem Bewegungstheater gestaltete »Kampfszene« zwischen HJ/ BDM und der Swingjugend. Beide Elemente stehen symbolisch für die Generationen: die der Alten, die im Gleichschritt mussten oder wollten und die der Jungen, die ihr Lebensgefühl heutzutage sehr freizügig ausleben dürfen. Wenn die Szene steht, können die spielfreudigen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu stoßen und mitmachen. Alle weiteren Szenen werden ähnlich angelegt sein. Bewegung, Musik und Tanz verbinden alle Spielenden und jeder wird seinen und ihren Platz auf der Bühne finden.

Workshop-Bericht: Über verrückte Senioren und zickige Teenager

26. September 2012, Saalfeld. »Die sind verrückt, hilfsbereit und zufrieden!« Diese und weitere Eigenschaften wählten Saalfelder Jugendliche in einem Workshop, um die Generation 70 plus zu beschreiben. Die Jugendlichen wiederum wurden u.a. als kreativ, zickig oder zukunftsorientiert beschrieben. Der intergenerative Workshop fand im September im Rahmen unseres Projekts »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« statt. Ziel war es, Vorurteile gegenüber der anderen Generation zu reflektieren. Im Anschluss kamen die zwei Generationen beim gemeinsamen Eintopf-Kochen miteinander ins Gespräch.

Beim ersten intergenerativen Workshop unseres Projekts am 10. September in Saalfeld trafen Menschen unterschiedlichen Alters zusammen. Die Jugendlichen und Seniorinnen und Senioren wurden durch verschiedene Übungen angeregt, Vorurteile gegenüber der anderen Generation zu reflektieren. Einige Zuschreibungen, z.B. die Eigenschaft »verrückt«, wurden angeregt diskutiert, gleichzeitig zeigten sich beide Seiten erfreut darüber, wie positiv sie von der anderen Generation gesehen wurden. Am Ende konnten sich alle darauf einigen, dass solche Zuschreibungen nicht pauschal auf eine ganze Generation anzuwenden sind.

Der Bürgermeister der Stadt Saalfeld nutzte das Treffen, um sich bei den Seniorinnen und Senioren für ihre Bereitschaft zu bedanken, die eigene Lebensgeschichte in Interviews zu erzählen und sich zudem bei weiteren Projekt-Aktivitäten zu engagieren. Als Dank überreichte er ihnen eine Urkunde.

Ein besonderes Highlight war das gemeinsame Kochen. Dazu wurde mit einem Eintopf ein typisches Rezept aus Kriegszeiten gewählt. Das Gericht wurde gemeinsam zubereitet und gegessen. Beim Essen kamen die verschiedenen Generationen auch ohne Interview-Leitfaden und Aufnahmegerät miteinander ins Gespräch.

Zum Ende des Workshops wurden Projekt-Aktivitäten vorgestellt, an denen sich sowohl Jugendliche als auch Seniorinnen und Senioren beteiligen können. Bei der Entwicklung einer Ausstellung, in Erzählcafés mit weiteren gemeinsamen Koch-Aktionen und in einer Theatergruppe werden sich die jungen und alten Teilnehmenden wieder begegnen und weitere Gespräche führen können.

Auftakt in Saalfeld

Menschen aller Generationen fanden sich am 6. Juni 2012 im Bürger- und Behördenhaus von Saalfeld, Thüringen, zur Auftaktveranstaltung des Projektes »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« ein. Besonders freute uns, dass viele Organisationen Ausstellungstafeln aufbauten, um ihre Aktivitäten im Projekt zu präsentieren.

»Die Gestaltung von Zukunft braucht Herkunft, z.B. Wissen über Familiengeschichten und über die Stadt, in der man lebt«. So formulierte Thomas Heppener auf der Auftaktveranstaltung einen der Grundgedanken des Projekts. Davon ausgehend möchte das Projekt gesellschaftliches Engagement vor Ort fördern.

Im Gespräch mit Projektleiter Timon Perabo erläuterten mehrere Projektbeteiligte ihre Erwartungen an das Projekt: Kristina Rahr, Referentin des Förderprogramms »Zusammenhalt durch Teilhabe« erwartet übertragbare Methoden, Impulse und Ideen für weitere intergenerative Projekte. Hanka Giller, Leiterin des Amts für Jugendarbeit, Sport und Soziales sowie lokale Koordinatorin im Projekt, möchte den demografischen Herausforderungen begegnen, um das Klima der Stadt zu verändern und die Identifikation mit der Stadt zu stärken. Dr. Dirk Henning, Leiter des Stadtmuseums, hofft, durch die Beteiligung des Museums Forschungslücken zur Zeitgeschichte der Stadt zu schließen.

Für Dr. Hartmut Schubert, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, steht beim »Kriegskinder«-Projekt der Ideen- und Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen im Mittelpunkt. Er wies zudem auf die Notwendigkeit hin, die Erzählungen immer zu reflektieren und über die Hintergründe der Ereignisse nachzudenken.

Gemeinsam mit Thomas Heppener übergab er die Schirmherrschaft für das Projekt in Saalfeld an Bürgermeister Matthias Graul. Dieser fände es wichtig, die Erfahrungen älterer Generationen zu bewahren und weiterzugeben, um damit den Herausforderungen von heute zu begegnen.

Abgerundet wurde die Veranstaltung von ersten Eindrücken aus den Projekten: Die Theater-AG des Heinrich-Böll-Gymnasiums präsentierte eine erste Kostprobe ihres Theaterprojekts. Weitere Projektbeteiligte wie das Museum, die Bibliothek oder Jugendclubs zeigten in einer kleinen Ausstellung den aktuellen Stand ihrer Projekte. Bei Kaffee und Kuchen klang die Veranstaltung aus.

Beteiligte Organisationen

Folgende Organisationen waren am Kriegskinder-Projekt in Saalfeld beteiligt:

  • Bildungszentrum Saalfeld GmbH
  • Evangelische Kirchengemeinde Saalfeld
  • Heinrich-Böll-Gymnasium Saalfeld
  • Netzwerk Seniorenarbeit Gorndorf
  • Sabel Schule Saalfeld
  • Seniorenbüro des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt
  • SRB – das Bürgerradio im Städtedreieck
  • Stadtarchiv Saalfeld
  • Stadtmuseum Saalfeld
  • Stadt- und Kreisbibliothek Saalfeld
  • Stadtverwaltung Saalfeld
Schwedt

Die Stadt Schwedt/Oder liegt in Brandenburg an der deutsch-polnischen Grenze. In Schwedt/Oder wurden viele der erzählten Geschichten in Form von Theaterstücken oder szenischen Lesungen verarbeitet. Zudem konnten Zielgruppen mit einbezogen werden, die ansonsten nur selten erreicht werden. So beteiligten sich Langzeitarbeitslose und eine Grundschule am Projekt. Matthias Platzeck, Ministerpräsident des Landes Brandenburg, übernahm die Schirmherrschaft für das Projekt in Schwedt.

Jugendliche sprechen mit Zeitzeugen aus Israel

Im Rahmen des Kriegskinder-Projektes besuchte der Zeitzeuge Zvi Aviram das Heinrich-Böll-Gymnasium in Saalfeld. Um die Perspektive jüdischer Kinder während des Krieges in das Projekt zu integrieren, haben wir Herrn Aviram, der heute in Israel lebt, eingeladen über seine Erfahrungen zu berichten.

Zvi Aviram ist 1927 in Berlin geboren und aufgewachsen. Im Februar 1942 taucht er unter, nachdem seine Eltern im Rahmen der sogenannten Fabrik-Aktion deportiert wurden. Er muss immer wieder sein Versteck wechseln, wird aber in einer Laube gefunden und in die Sammelstelle Große Hamburger Straße gebracht. Dort gelingt ihm die Flucht aus einem Kellerfenster. Er versteckt sich dann in einer Wohnung in Berlin-Wedding, doch auch dort wird er in entdeckt und kommt in das Gefängnis im jüdischen Krankenhaus. An diesem Ort wird er im April 1945 befreit und wandert 1948 nach Palästina aus.
Teilnehmende des Gespräches waren Jugendliche, die schon im Rahmen des Projektes »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« Interviews mit Zeitzeugen geführt hatten und nun eine Lebensgeschichte eines jüdischen Überlebenden kennenlernen sollten. Dies war für uns besonders wichtig, da am Projektort Saalfeld keine Juden mehr wohnen, die als Kinder Krieg, Nationalsozialismus und Judenverfolgung erlebt hatten. Wenn es darum geht, die Zeit des Krieges und Nationalsozialismus anhand von persönlichen Geschichten von Kriegskindern zu erkunden, darf diese Perspektive nicht fehlen.
Da die Jugendlichen bei dem Gespräch in Saalfeld eigene Fragen stellen sollten, wurden eine Woche vor dem Gespräch zwei Vorbereitungsworkshops, für jeweils eine Klasse, durchgeführt. Die Referentin erarbeite mit ihnen gemeinsam die Themen Emigration, Flucht und Exil. Danach stellte sie Zvi Aviram kurz vor. Im zweiten Teil des Workshops wurden Fragen für das Gespräch entwickelt. Für die weitere Projektarbeit erhielten alle Jugendlichen eine Aufgabe für das Gespräch. Eine Gruppe stellte die Fragen, eine andere dokumentierte das Gespräch mit Fotos und eine weitere Gruppe schrieb ein Protokoll. Aus diesen Materialien entstand der beigefügte Bericht der Jugendlichen.
Die Schülerinnen und Schüler waren sehr berührt von dem Gespräch mit Zvi Aviram, der wiederum froh über die Möglichkeit war, seine Erfahrungen an junge Menschen in Deutschland weiter zu geben.  Das Gespräch der Saalfelder Schülerinnen und Schüler mit Zvi Aviram wurde durch die Zuwendung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft ermöglicht.

»NaKKT unter Wölfen«

Eine Theatergruppe aus Schwedt näherte sich dem Erzählen über Kriegserinnerungen an.

Die moderne Inszenierung von »NaKKT unter Wölfen« kombinierte Motive des bekannten Romans von Bruno Apitz mit Erzählungen der Schwedter Bürgerinnen und Bürger an ihre Kriegskindheit. Es ist ein intergeneratives Stück mit einer Seniorin, fünf Schülerinnen der Dreiklangoberschule und einer professionellen Schauspielerin sowie einem Schauspieler. Die Jugendlichen nahmen zunächst an einem Workshop teil, erlernten Interviewtechniken und befragten dann die »Kriegskinder«. Die Rentnerin Christa Müller, 1939 geboren, berichtete den Jugendlichen von ihren Erinnerungen an den Krieg. Auch Frau Linge und Herr Willim aus Schwedt/Oder wurden interviewt. Anschließend stand Christa Müller mit den Jugendlichen auf der Bühne, um die Erinnerungen in einem Theaterstück aufzuarbeiten.

Die Akteurinnen und Akteure fanden auf der Bühne ein gemeinsames Element: das Heulen. Es konnte als Aufschreien, emotionales Weinen, aber auch als Sirenengeheul verstanden werden. Der im Stück ausgetragene Konflikt bestand aus dem Erzählen bzw. Heulen über die Erfahrungen aus dem Krieg: Die älteren Menschen trugen diese Erfahrungen noch mit sich, während die Wolfskinder die immer gleichen Geschichten nicht hören wollten – sie wünschten sich, mehr über die Gefühle der Menschen zu erfahren und wollten auch selbst gehört werden.

Für Susann Neuenfeldt, die Regisseurin des Stückes, war das Zusammenkommen von Kriegskindern und Kindern heute (welche den Krieg nur aus Medien kennen) eine Herausforderung. Aber: »Gerade diese utopische Distanz zwischen den Generationen ist total produktiv fürs Theatermachen.«

Aufgeführt wurde das Stück im März und April im Theater Stolperdraht in Schwedt/Oder. Im Rahmen der Abschlusstagung des Kriegskinder-Projektes im November in Berlin war eine Szene des Stückes noch einmal zu sehen.

»Geschichte und Geschichten auf der Bühne«: Kein Widerspruch Nirgends

Die Regisseurin Dr. Susann Neuenfeldt erarbeitete im Rahmen des »Kriegskinder«-Projekts in Schwedt ein intergeneratives Theaterprojekt. Hier berichtet sie von ihrer Teilnahme an der  Fachtagung »Geschichte und Geschichten auf der Bühne: Möglichkeiten und Grenzen kultureller Bildung« und ihrem Fazit für das Theaterprojekt in Schwedt.
Von Dr. Susann Neuenfeldt, Regisseurin

»Im September 2012 habe ich an der Fachtagung »Geschichte und Geschichten auf der Bühne: Möglichkeiten und Grenzen kultureller Bildung« in Schwerin teilgenommen. Die Tagung wurde von der Bundeszentrale für Politische Bildung organisiert und bot Vertreterinnen und Vertretern aus den Feldern politische Bildung, Geschichtswissenschaft und Theaterpädagogik die Möglichkeit, ins Gespräch über die Chancen und Grenzen von kulturellen Zugängen zur Geschichte zu kommen.

Wirklichkeit und Fiktion im biographischen Theater


Sehr konstruktiv war das Format der Runden Tische. Hier wurde in kleineren Gesprächsrunden diskutiert. Am Tisch, an den ich als Regisseurin eingeladen war, besprachen wir den komplexen Zusammenhang von Wirklichkeit und Fiktion im biographischen Theater. Wir gingen insbesondere der Frage nach, wie der Verlust an Authentizität durch den Tod von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des 2. Weltkriegs kompensiert werden kann und ob eine Kompensation überhaupt wünschenswert ist. Wir besprachen auch das Verhältnis von Fakten und Fiktionen im Theater. Was ist wahr und was ist in Szene gesetzt? Wie verhindert man die Verfälschung oder Instrumentalisierung von Geschichte? Ein vorläufiges Ergebnis dieser Runde war, dass es auf der Bühne keinen Gegensatz zwischen Fakten und Fiktionen geben muss. Wichtiger ist die künstlerische Form zur Verkörperung eines Stoffes, einer Biographie oder einer Erfahrung.

Diskussion zu »Esther leben«

Besonders interessant für die Theaterarbeit im »Kriegskinder«-Projekt war die Diskussion um die künstlerische Aneignung von Täter- und Opferpositionen.  Das biographische Schultheaterprojekt »Esther leben« feierte am Vorabend der Tagung Premiere. Zwei Szenen wurden besonders kontrovers diskutiert:

In der ersten sangen Jugendliche ein Lied der Hitlerjugend und stellten den Hitlergruß auf der Bühne nach. Insbesondere westdeutsche Teilnehmende verurteilten die Szene stark. Sie setzten sie in einen direkten Zusammenhang mit den rassistischen Übergriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund und dem Rechtsextremismus in Ostdeutschland.

In einer anderen Szene spielten die Jugendlichen in längs gestreiften Sträflingsanzügen ehemalige KZ-Häftlinge kurz vor der Befreiung durch die Alliierten. Das wurde vor allem von ostdeutschen Theatermachenden als eine Anmaßung kritisiert, weil sie darin eine problematische Aneignung von Opferperspektiven sahen.

Die Tagung schärfte noch einmal mein Bewusstsein für die künstlerische Form, die wir in unserem Projekt entwickeln werden. Mein persönliches Fazit für die Arbeit im »Kriegskinder«-Projekt: Die theatralen Verkörperungen, die wir erarbeiten, sind bereits politisch. Es ist daher wichtig, verantwortungsvoll mit den biographischen Geschichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, aber auch mit den  Biographien der  jugendlichen Darstellenden umzugehen.«

Gespräche, Kofferpacken und ein Stadtrundgang in Vierraden

Die Veranstaltungsreihe »Lebenswege – Schwedter Generationen im Dialog« machte am 23. und 25. April im Tabakmuseum Vierraden Station.

Schauspielerinnen und Schauspieler des Bürgertheaters der Uckermärkischen Bühnen Schwedt lasen aus bewegenden Interviews mit Schwedter Bürgerinnen und Bürgern. Im Anschluss diskutierten junge Menschen aus Vierraden mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Es wurde deutlich, dass auch Kinder die Schrecken des Krieges wie Luftangriffe, Todesangst, Flucht, Hunger und Kälte ganz bewusst erlebten – und diese furchtbaren Dinge für immer in ihrem Gedächtnis bleiben. Lange Zeit wurde über diese Erlebnisse geschwiegen. Erst das Projekt »Kriegskinder« des Anne Frank Zentrums ist Anlass für den intergenerativen Dialog und bietet die Möglichkeit, von den schmerzlichen Erfahrungen und Ängsten zu berichten.

Manche Geschichten stammten aus der direkten Nachbarschaft: Edgar Kiesling und Rosemarie Rickmann berichteten Schülerinnen und Schülern einer 6. Klasse der Astrid Lindgren Grundschule von ihrer Kindheit im Krieg, der Zerstörung Vierradens, aber auch vom Wiederaufbau der kleinen Tabakstadt. Die Kinder bekamen einen Eindruck davon, wie wichtig gegenseitige Hilfe und Unterstützung in Notzeiten waren und sind – und welche Kraft zum Wiederaufbau einer zum Notstandsgebiet erklärten Stadt nötig ist. Vertieft wurden diese Eindrücke durch das gemeinsame Packen eines Flüchtlingskoffers.

Beim anschließenden Stadtrundgang führte Karin Stockfisch, Mitarbeiterin des Tabakmuseums, die Klasse zu verschiedenen Denkmälern der Stadt Vierraden. In der wiederaufgebauten Kreuzkirche brachten die Schülerinnen und Schüler mit dem Gedicht »Bitten der Kinder« von Bertolt Brecht ihre Hoffnung auf eine friedliche Zukunft zum Ausdruck.
Die beiden Veranstaltungen waren ein emotional bewegender Austausch, der im Gedächtnis bleiben wird.

Leben im Dritten Reich. Zwischen Einschulung und Einberufung. Schwedt in der Zeit von 1933 bis 1945

Das Stadtmuseum Schwedt/Oder eröffnete am 18. November 2012 die Sonderausstellung »Leben im Dritten Reich. Zwischen Einschulung und Einberufung. Schwedt in der Zeit von 1933 bis 1945«. Mit dieser Ausstellung unterstützte das Museum das Modellprojekt des Anne Frank Zentrums Berlin »Kriegskinder. Lebenswege bis heute«.

Zur Eröffnung sprach Thomas Heppener, Direktor des Anne Frank Zentrums, vor den rund 100 Besuchern der Auftaktveranstaltung. Er zeigte sich beeindruckt davon, wie viele Seniorinnen und Senioren zur Eröffnung gekommen waren und wandte sich mit einem Appell an sie: Es sei eine wichtige Aufgabe der Kriegskindergeneration, ihre Geschichten weiter zu erzählen. Es gehe darum, nicht nur die positiven und schönen Dinge weiterzutragen, sondern auch die schweren und problematischen Erinnerungen zu benennen.

Die Sonderausstellung beleuchtete fünf Themenschwerpunkte und untersetzt diese punktuell mit Informationen: Die NSDAP im öffentlichen Leben, Schule und Jugend, Arbeit und Freizeit, Leben in Stadt und Land, Krieg und Zerstörung. Bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass die deutschlandweiten Aktionen auch in der Ackerbürgerstadt Schwedt nachweisbar sind: Am 8.März 1933 wurde die Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus in der Schlossfreiheit gehisst. Das Wort Wahl wurde am 12. November 1933 ad absurdum geführt, denn es stand zu den Reichstagswahlen nur eine Partei auf dem Zettel: die NSDAP. Zahlreiche Schwedterinnen und Schwedter traten in die Partei ein. Gründe dafür gab es viele: politischer Enthusiasmus, Vorteile oder auch Schutz.

Zwischen 1933 und 1937 setzte ein wahrer Bauboom ein. Öffentliche Bauprojekte wurden mit Hilfe des seit 1934 in Schwedt stationierten Reichsarbeitsdienstes umgesetzt. Die Freizeit war durchorganisiert. Aus den vielfältig orientierten 125 Schwedter Vereinen entstanden 47 gleichgeschaltete Ortsgruppen. Dann begann der Krieg. Die wehrfähigen Männer, Väter, Söhne, Brüder wurden einberufen. Nun war es an den Frauen, die Geschäfte weiterzuführen. Dienstverpflichtete Mädchen halfen im Haushalt oder bei der Erziehung der Kinder. Kriegsgefangene und Fremdarbeiter arbeiteten in kriegswichtigen Wirtschaftszweigen. Die letzten Kriegsjahre waren von Entbehrungen, Überlebenskampf und Flucht geprägt.

Für die Ausstellung befragten die Museumsmitarbeiterinnen zusammen mit Kindern des Theaters »Stolperdraht« Schwedter Zeitzeugen. Diese Erinnerungsspuren der Kinder von einst erzählten von ganz individuellen Erlebnissen zwischen 1933 und 1945. Sie sollten dazu anregen, noch mehr Schwedter Lebensgeschichten festzuhalten.

Szenische Lesung in den Uckermärkischen Bühnen

Vier Biografien, eindrückliche Begegnungen und mehrere Stunden Interview-Material waren die Grundlage für die szenische Lesung »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« im September an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt. Im Vorfeld hatten Schwedter Jugendliche und Langzeitarbeitslose Interviews geführt. Ausschnitte aus diesem Material wurden zu einer szenischen Lesung zusammengefügt und von fünf Laiendarstellern zwischen 15 und 72 Jahren gelesen.
Von Waltraud Bartsch, Theaterpädagogin der ubs

Die Grundlage für die erste szenische Lesung an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt am 11. September 2012 waren Interviews, die von Langzeitarbeitslosen und Jugendlichen geführt wurden. Betreut wurden sie dabei von der Projektleiterin des Vereins MUG (»Mit uns gelingt’s«), Hella Lange, und der Theaterpädagogin Waltraud Bartsch.

Die Dramaturgin Heike Schmidt wählte aus dem vorhandenen Material vier Biografien aus, um sie zu einer thematischen Lesung zu verquicken. Dabei wurden nur die Kindheitsgeschichten verarbeitet. Zwischen den Texten wurden kleine dokumentarische Ergänzungen gelesen, beispielsweise welche Verse in der Kindheit gesprochen wurden, was Butter kostete oder wie viele Menschen in der Bombennacht vor Leipzig starben. Das Material wurde von fünf Laiendarstellern unterschiedlichen Alters gelesen. Kleine Musikeinspielungen brachen oder ergänzten das Material.

Zur Lesung kamen 65 meist jüngere Gäste. Die Interviewer waren stolz auf die »lebendige Materialisierung« ihrer Texte. Zwei der Interviewten stellten sich im Anschluss dem Gespräch mit dem Publikum. Hierbei bereicherten die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten der beiden Damen das Gespräch besonders, da Fragen so aus verschiedenen Perspektiven beantwortet werden konnten. Die interviewten Damen fühlten sich gerade vom jüngeren Publikum sehr ernst genommen und waren auch im Anschluss im kleineren Kreis noch lange vor Ort.

Auftakt in Schwedt

In Schwedt eröffneten am 11. Juni Prof. Sabine Kunst, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und Lutz Herrmann, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Schwedt/Oder, gemeinsam mit Schwedter Bürgerinnen und Bürgern das Projekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute«.

»Die Idee für das Projekt stammt zwar vom Anne Frank Zentrum, die eigentliche Arbeit, das Aufspüren der Geschichten, findet aber hier vor Ort in Schwedt statt«, betonte Thomas Heppener bei der Auftaktveranstaltung und dankte den zahlreichen Mitwirkenden in Schwedt und der Stadtverwaltung Schwedt/Oder für die Zusammenarbeit.

Zur Umsetzung unserer Idee engagieren sich in Schwedt fast 20 Organisationen. »In Schwedt haben viele Jugendliche gar nicht die Chance, mit der Generation 70plus zu sprechen und umgekehrt die Älteren nicht mit den Jüngeren, weil traditionelle Familienverbände in unserer heutigen Zeit nicht mehr bestehen«, sagte die Leiterin des Stadtmuseums, Anke Grodon. »Die Beteiligten lernen in diesem Projekt das Zuhören und das einander Verstehen«.

Prof. Sabine Kunst, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, nahm stellvertretend für Ministerpräsident Matthias Platzeck die Schirmherrschaft für das Projekt »Kriegskinder« in Schwedt entgegen. Sie lobte, dass das Projekt insbesondere Jugendlichen einen neuen und unmittelbaren Zugang zu Geschichte ermögliche und dankte den Zeitzeugen für ihre Offenheit.

Lan Böhm, Referentin des Förderprogramms »Zusammenhalt durch Teilhabe« regte an, das Projekt »Kriegskinder« auch als zukunftsgewandtes Projekt zu verstehen. Indem unterschiedliche Bewohner einer Stadt miteinander ins Gespräch kommen, könne man sich auch darüber verständigen, warum Menschen in der Stadt bleiben oder fortgingen und wie ein respektvoller Umgang miteinander aussehen könne.

Im Anschluss erzählte der Schauspieler und Regisseur Peter Sodann aus seiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg.

Beteiligte Organisationen

Folgende Organisationen waren in Schwedt am Projekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« beteiligt:

  • »Bündnis gegen Rechts«
  • Dreiklang-Oberschule Schwedt
  • Evangelische Gemeinde »Sankt Katharinen«
  • Frauenzentrum Schwedt
  • Freiwilligenagentur (FWA) der Volkssolidarität Schwedt
  • Grundschule »Astrid Lindgren«
  • Kulturverein »Die Brücke«
  • MUG Brandenburg e.V.
  • Dr. Susann Neuenfeldt
  • RAA Angermünde
  • Seniorenverein der Stadtverwaltung Schwedt/Oder e.V.
  • Stadtarchiv
  • Stadtbibliothek
  • Stadtverwaltung Stadt Schwedt/Oder
  • Tabakmuseum Vierraden
  • Uckermärkische Bühnen Schwedt
  • Volkshochschule Schwedt
  • Zützener Dorfverein
Projektauftakt in Berlin

Im Rahmen des Projekts lud das Anne Frank Zentrum interessierte Partnerinnen und Partner aus den drei Projektstädten Saalfeld, Schwedt und Neustrelitz zu einer Auftaktveranstaltung am 17. und 18. Februar 2012 nach Berlin ein. Ziel der Veranstaltung war es, den Akteuren aus den drei Städten Wissen und Methoden für die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Zeitzeugen-Interviews zu vermitteln. 17 Personen aus Schulen, Museen, Jugendämtern, Theatern, Jugendclubs sowie Seniorenverbänden folgten der Einladung. 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich zunächst im Anne Frank Zentrum, wo sie von Thomas Heppener, dem damaligen Direktor des Anne Frank Zentrums, und Timon Perabo, Leiter des Projektes, begrüßt wurden. Sie hatten Gelegenheit, die Berliner Dauerausstellung »Anne Frank. hier & heute« kennenzulernen. Am Nachmittag trafen die Teilnehmenden in der Bundeszentrale für politische Bildung die Förderer des Projektes. Die Leiterin des Förderprogramms »Zusammenhalt durch Teilhabe«, Ute Seckendorf, und die Referentin für politische Bildung im Bundesministerium des Innern, Annette Schlipphak, wurden von den Teilnehmenden über die vielfältigen Ideen für das Kriegskinder-Projekt informiert. Bisher sind u.a. Erzählcafés, Theaterprojekte, Filme, Stadtrundgänge und Ausstellungsprojekte geplant.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Workshop zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Zeitzeugen-Interviews. Der Referent Frank Reiniger bereitete die Teilnehmenden insbesondere darauf vor, Jugendliche in der Durchführung von Zeitzeugen-Interviews anzuleiten und zu unterstützen. Die Teilnehmenden erhielten viele praktische Anregungen und erprobten selbst verschiedene Methoden. Die Anregungen aus dem Workshop werden in Kürze in einer Handreichung des Anne Frank Zentrums veröffentlicht.

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Tagung »Morgen. Gestern. Heute.«

Das Modellprojekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« brachte in den letzten beiden Jahren Jung und Alt in einen Dialog über Geschichte. Die öffentliche Fachtagung am 5. November in Berlin wertete die Projekterfahrungen aus und gab diese nun an über 100 Akteure aus ganz Deutschland, der Schweiz und Dänemark weiter.

Das Modellprojekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« brachte Jugendliche in Neustrelitz, Saalfeld und Schwedt mit der Generation 70 plus über deren Kindheits- und Jugenderlebnisse ins Gespräch. Im Gegenzug berichteten sie über ihr Leben heute. Mit der Tagung in der Brandenburgischen Landesvertretung wurden die Erfahrungen aus dem Projekt nun an über 100 Akteure aus ganz Deutschland, der Schweiz und Dänemark weitergegeben, die selbst einen Dialog der Generationen in ihrem Ort, ihrer Schule, ihrer Bildungsstätte oder ihrem Seniorenverein organisieren wollen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Generationendialoge über Geschichte erfolgreich gestaltet werden können.

Zugleich bot die Tagung Raum, sich über die konzeptuellen Herausforderungen auszutauschen: Wie kann die Perspektive von Opfer des Nationalsozialismus angemessen in die Projektarbeit eingebunden werden? Wie kann ein tragfähiges regionales Netzwerk für einen stadtweiten intergenerativen Dialog aufgebaut werden? Wie gelingt die historische Kontextualisierung, bei der schmerzhaften individuellen Lebensgeschichten Älterer ein angemessener Raum zugestanden wird, ohne gleichzeitig einem kollektiven deutschen Opfernarrativ zu Vorschub zu leisten?

Impulsvortrag zu Formen des Erinnerns

In seinem Eröffnungsvortrag gab Dr. Matthias Heyl von der Gedenkstätte Ravensbrück einen spannenden Einblick in verschiedene Formen des Erinnerns und die Weitergabe von Geschichtswissen an nachfolgende Generationen. Er ging auch auf die unterschiedlichen Entwicklungen der Erinnerungsdiskurse in der DDR und der Bundesrepublik ein, die in den persönlichen Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bis heute nachwirken.

Künstlerischer Höhepunkt war die Lesung einer Zeitzeugen-Erinnerung aus Neustrelitz, begleitet von einer Performance der Berliner Lichtmaler Julia Schäfer und Johannes Schmidt. Das Skript basiert auf einem im Sommer 2012 entstandenen Bericht einer Neustrelitzer Schülerin über ihre Begegnungen mit dem Zeitzeugen Traugott Rohde. Vorgetragen wurde der Bericht von Tobias Langer, dem Enkel des Seniors aus Neustrelitz.

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