Waltraud Hanopulos

Waltraud geht der Liebe wegen in die Türkei. Sie ist 29, als sie Basile Hanopulos kennenlernt. Ein Jahr später, 1955, ist sie verheiratet und lebt in Istanbul.

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Begegnung in Nizza

Waltraud geht der Liebe wegen in die Türkei. Sie ist 29, als sie Basile Hanopulos, einen griechischen Istanbuler, 1954 auf einer Sprachreise in Südfrankreich kennen lernt. Waltraud ist Lehrerin und stammt aus Braunschweig in Niedersachsen. Ihre Kindheit und Jugend hat sie im Nationalsozialismus erlebt. Basile, dessen Familie zur christlichen griechisch-orthodoxen Minderheit in der Türkei gehört, ist Lehrer an einer französischen Schule in Istanbul. Die beiden verbringen drei schöne Wochen zusammen, flirten ein wenig und trennen sich mit dem Versprechen, einander zu schreiben. Ein Vorsatz, dem sie beide treu bleiben: Erst gehen alle paar Wochen die Briefe hin und her, bald schon schreiben sie sich täglich. Im Februar 1955 macht Basile Waltraud einen Heiratsantrag per Post. Sie schreibt sofort »ja« zurück. Im Sommer 1955 bricht Waltraud zu ihrer ersten Reise nach Istanbul auf.

 

Die große Entscheidung

Tagelang ist Waltraud mit dem Zug durch das damalige Jugoslawien und Griechenland unterwegs, bis sie schließlich in der Türkei ankommt. Basile zeigt ihr sein Istanbul, die europäische Seite und die asiatische, den Bosporus, die Kirchen und Moscheen. Waltraud ist beeindruckt von der riesigen, lebhaften Stadt, auch wenn ihr vieles fremd ist. Sie weiß nur wenig über das Land, kann damals kein Wort Türkisch – dennoch beschließt sie, zu Basile in die Türkei zu gehen. Sie schlägt die Verbeamtung als Lehrerin in Deutschland aus und kehrt nur noch für einige Wochen in ihre Heimat Braunschweig zurück. Im Herbst 1955 steigt sie in Hannover in den Zug nach Istanbul; Freunde und die Familie stehen am Bahnsteig, um sie zu verabschieden. Waltraud wird nur noch für Besuche nach Deutschland zurückkehren.

 

Familiengründung am Bosporus

Waltraud und Basile heiraten im November 1955 in Istanbul. In ihrer kleinen Mietwohnung feiern sie das erste Mal gemeinsam Weihnachten. Diesem ersten werden noch viele folgen: Sie feiern ihre christlichen Feiertage, die orthodoxen und die protestantischen ebenso wie die muslimischen ihrer Freunde und Bekannten. Waltraud fühlt sich wohl in Istanbul.Sie hatte sich schon als Kind gewünscht, am Meer zu wohnen. Jetzt lebt sie am Bosporus und kann im Sommer ins Wasser springen. Der Alltag in diesen Jahren ist in der Türkei genauso wie in Deutschland jedoch oft auch anstrengend: Lebensmittel wie Zucker, Fleisch oder Kaffee sind bisweilen knapp, der Strom fällt immer wieder aus, manchmal gibt es tagelang kein fließendes Wasser.

 

Heimat? Istanbul!

1956 kommt Tochter Iris zur Welt, drei Jahre später Diana. Die Mädchen wachsen mit vier Sprachen auf: dem Deutsch ihrer Mutter, dem Griechisch des Vaters, der Familiensprache Französisch und dem Türkisch ihrer Umwelt. Basile ist weiter Lehrer an einer französischen Schule. Waltraud unterrichtet Sprachen an verschiedenen Schulen, bis sie an der amerikanischen Schule angestellt wird, an der sie dann 32 Jahre lehren wird. Die Hanopulos‘ verleben glückliche Jahre: Sie haben in Istanbul viele Freunde, bekommen immer wieder Besuch aus Deutschland, machen viele Ausflüge ans Meer. Während das Familienleben harmonisch verläuft, gibt es in der Türkei immer wieder politische Unruhen, mehrmals putscht das Militär, es gibt Ausgangssperren, Tote bei Demonstrationen, Inhaftierungen.

Iris geht deshalb 1975 nach ihrem Abitur zum Studium nach Deutschland. Auch ihre Schwester Diana verlässt die Türkei, um in Deutschland zu studieren. Heute ist Iris Ärztin, Diana Theaterpädagogin. Die Schwestern leben mit ihren Familien in Deutschland, sie sprechen untereinander Türkisch. Basile ist 2011 gestorben. Waltraud lebt als letztes Familienmitglied der Hanopulos‘ in Istanbul, der Heimatstadt ihrer Kinder.

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