Saadet İkesus Altan

Saadet İkesus Altan lebt für eine Zeit in Nazideutschland. Sie ist 19 Jahre alt, als sie 1935 mit einem Stipendium aus der Türkei zum Musikstudium nach Berlin geht.

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Kindheit und Jugend in der Türkei

Saadet lebt als türkische Operndiva im nationalsozialistischen Deutschland. Sie ist 19 Jahre alt, als sie 1935 mit einem Stipendium der Türkischen Republik zum Musikstudium nach Berlin kommt. Hinter ihr liegen eine Jugend in Ankara und eine Kindheit in Istanbul. Hier wird Saadet İkesus am 3. März 1916 im Stadtteil Üsküdar als jüngstes von drei Kindern geboren. Ihre Familie ist wohlhabend und gebildet, der Großvater ist im Dienst des Osmanischen Reiches. Saadet kommt schon früh mit den schönen Künsten in Berührung: Ihre Mutter singt, spielt Klavier und liebt das Theater. Ihr Vater spielt Geige.

Saadets Vater stirbt als Offizier im »Unabhängigkeitskrieg«, als Saadet noch ein kleines Kind ist. Nun muss die Mutter allein für die Familie sorgen. Als sie eine Stelle am Auswärtigen Amt bekommt, müssen die Altans in die türkische Hauptstadt ziehen. Saadet fällt der Umzug sehr schwer, sie fühlt sich in Ankara wie in einem Gefängnis und vermisst Istanbul schrecklich.

In Ankara geht Saadet auf ein Mädchengymnasium. Dieses schließt sie 1934 ab und beginnt zunächst eine universitäre Ausbildung zur Tierärztin. Gleichzeitig hat sie Gesangsstunden. Ihre Lehrer sind begeistert von Saadet und bringen sie dazu, sich für das Stipendium in Deutschland zu bewerben. Saadet bricht ihre Ausbildung ab und besteht die Aufnahmeprüfung am neu gegründeten Konservatorium in Ankara. Die Türkei schickt zu dieser Zeit viele Studenten ins europäische Ausland, nach ihrer Rückkehr in die Heimat sollen sie mit ihrer westlichen Ausbildung beim Aufbau des jungen türkischen Staates helfen.

 

Star der deutschen Oper

Zusammen mit einigen anderen türkischen Studenten studiert Saadet Musik in der deutschen Hauptstadt. Am Berliner Konservatorium erhält sie Gesangs- und Bühnenunterricht. Schon zu Studienzeiten wird Saadet berühmt: Sie singt regelmäßig im Radio, zum Beispiel die Amneris in der Oper »Aida«, gibt Konzerte, ist weithin für ihre Stimme und ihre Schönheit bekannt.

Saadet genießt ihren Ruhm und das Leben im Berlin der 30er Jahre. Sie und die anderen Studierenden aus der Türkei haben durch ihr Stipendium vergleichsweise viel Geld zur Verfügung: Sie gehen in die Oper, speisen in teuren Restaurants, die Männer lassen sich Maßanzüge schneidern. Als ehemalige Verbündete im Ersten Weltkrieg genießen Türken damals ein hohes Ansehen in Deutschland und haben Zugang zu den höchsten Gesellschaftskreisen. Saadet trifft auf Abendveranstaltungen Nazigrößen wie Außenminister Joachim von Ribbentrop.

Sie wird auch Zeugin der dunklen Seiten Nazideutschlands. Saadet wohnt bei einer jüdischen Familie zur Untermiete und erlebt mit ihr die Reichspogromnacht im November 1938. Als auf der Straße Schaufenster zu Bruch und jüdische Geschäfte in Flammen aufgehen, heftet die Vermieterin eine türkische Visitenkarte Saadets an die Wohnungstür, von der sie sich Schutz erhofft. Saadet nimmt die Wertsachen ihrer Vermieter zu sich. In dieser Nacht bleibt die Familie unbehelligt.

Später leidet Saadet selbst unter der Naziherrschaft: Sie liebt den Deutschen Helmut Henze, der am Konservatorium die Dirigentenklasse besucht. Im Sommer 1939 fahren die beiden zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth und ins Riesengebirge. Sie wollen heiraten und kaufen auf ihrer Reise die Verlobungsringe. Doch zu der Hochzeit kommt es nicht: Saadet bekommt als Türkin keinen Ariernachweis und darf deshalb keinen Deutschen heiraten. Helmut wird ihre große, verlorene Liebe bleiben. Nach Kriegsbeginn wird er als Soldat nach Russland geschickt. Saadet und Helmut schreiben einander, bis die Türkei dem Deutschen Reich im Februar 1945 den Krieg erklärt und der Kontakt abreißt. Jahrzehnte später werden sie sich noch einmal wiedersehen, dann sind beide mit anderen Partnern verheiratet.

Auch beruflich kommt Saadet nun mit dem Regime in Konflikt. Im August 1940 macht sie ihren Abschluss am Berliner Konservatorium. Um auf einer deutschen Bühne auftreten zu dürfen, muss sie Mitglied der Reichskulturkammer sein. Da ihr aber auch hierfür der Ariernachweis fehlt, wird Saadet zunächst nicht aufgenommen. Erst als sie droht, ihre Radioauftritte abzusagen, geben die NS-Beamten nach.

Und Saadet wird zur gefeierten Operndiva: In der Spielzeit 1940/41 hat sie ein Engagement an der Duisburger Oper. Es folgen Auftritte an den Häusern in Düsseldorf, Regensburg und Essen.

Die Feuilletons preisen sie als »Star der deutschen Oper«. Ihr Erfolg wird ihr zum Verhängnis, denn den Offiziellen in Ankara gefällt es nicht, dass Saadet als Türkin die deutsche Oper bereichert: Sie wird 1941 von der türkischen Regierung gegen ihren Willen zurück nach Ankara beordert.

 

Rückkehr in die Heimat

Gemeinsam mit dem deutschen Regisseur und Intendanten Carl Ebert, der in der Türkei im Exil lebt, baut sie dort die Oper auf. Saadet, die erste türkische Opernregisseurin, bringt viele europäische Werke auf die Bühne. Später wechselt sie an das staatliche Konservatorium Istanbul, wo sie Gesang unterrichtet. Sie übersetzt Dutzende Opern und Musikstücke ins Türkische.

Die Hochzeit mit Helmut Henze ist ihr verwehrt geblieben, doch Saadet geht später noch drei Ehen ein. Sie wird Mutter eines Sohnes, Can Altan. 1972 zieht sie mit ihrem Mann Erdoğan Altan in ihr geliebtes Istanbul zurück. Ihre letzten Lebensjahre verbringt sie in Ankara, in der Nähe ihres Sohnes, wo sie am 12. Dezember 2007 mit 91 Jahren stirbt.

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