Leon Veissid

Leon zieht 1903 als kleiner Junge aus Konstantinopel nach Berlin. Ende 1938 verlassen die Veissids Berlin. Sie verbringen zwei Jahre in Kuba, bevor Leon Veissid mit seiner Familie im Dezember 1941 in New York ankommt.

Türkische Juden in Deutschland

Sephardische Synagoge in Berlin Tiergarten

Die Konferenz von Evian

Während der Zeit der Weimarer Republik leben im Deutschen Reich etwa 700 türkische Juden, die große Mehrheit in Berlin. Eine dieser Familien ist die von Leon Veissid. Seine Familie lebte bis 1903 in Konstantinopel und wanderte dann nach Berlin aus.

 

Türkische Juden in Deutschland

Während der Zeit der Weimarer Republik lebten im Deutschen Reich etwa 700 türkische Juden, die große Mehrheit in Berlin. In Hamburg existierte bereits seit dem 16. Jahrhundert eine bedeutende sephardische Gemeinde.

Auch die Städte Chemnitz, Frankfurt, Köln, Mannheim, München, und Stuttgart waren ein Lebensmittelpunkt für viele Juden aus dem Osmanischen Reich beziehungsweise aus der Türkei. Selbst in kleineren Städten wie Wernigerode im Harz lebten in der Zwischenkriegszeit einige.

 

Eigene Gemeindestrukturen

Sepharden sind Juden, deren Vorfahren einst auf der Iberischen Halbinsel lebten. Nach ihrer Vertreibung im 15. und 16. Jahrhundert siedelten sie zum großen Teil im Osmanischen Reich an. Eine dieser Familien war die von Leon Veissid. Seine Familie lebte bis 1903 in Konstantinopel und entschied sich dann, nach Berlin auszuwandern.

Schon 1905 hatten einige sephardische Kaufleute den »Israelitisch-Sephardischen Verein zu Berlin« gegründet. Während des Ersten Weltkrieges und noch danach zogen weitere Juden aus der Türkei nach Berlin. Die Gemeinde wuchs. Anfang der Zwanziger Jahre gehörten etwa 150 Familien dem sephardischen Verein an, der auch als sozialer Treffpunkt fungierte. Die türkisch-sephardische Gemeinde in Berlin bildete damals die größte sephardische Gemeinde in Deutschland.

 

Typische Berufe

Zu den Gründern der türkisch-jüdischen Gemeinde gehörten zahlreiche bekannte Teppichhändler. Die meisten von ihnen stammten aus Konstantinopel. Als Teppiche Ende des 19. Jahrhunderts Teil der bürgerlichen deutschen Wohnkultur wurden, boomte der Teppichhandel. Von 1894 bis 1912 stieg die Einfuhr von Orientteppichen aus dem Osmanischen Reich um das 900-fache. Auch in Hamburg und München existierten bekannte, von türkischen Juden geführte Teppichhäuser. Das Teppichgeschäft bot einer ganzen Zahl von ärmeren Juden aus der Türkei Arbeit, zum Beispiel als Teppichstopfer und Teppichreiniger.

Auch im Tabakhandel und in der Zigarettenproduktion, die zur gleichen Zeit einen enormen Aufschwung erlebten, waren türkische Juden aktiv. Die Türkei war einer der Hauptlieferanten von Rohtabak für Deutschland. Auch die Einfuhr landwirtschaftlicher Güter bot orientalischen Juden Chancen, zum Beispiel der Import von Trockenfrüchten, Nüssen und Fellen.

Durch Firmenakten, Geschäftsanzeigen und andere Quellen haben wir deutlich mehr Informationen über wohlhabende türkische Juden als über ärmere. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Mehrheit der türkischen Juden reich war. Im Gegenteil: Aus Frankreich, Belgien und Italien wissen wir, dass sich die Mehrheit der türkisch-jüdischen Immigranten als einfache Arbeiter oder Straßenhändler durchschlug.

 

Kontakte zu nicht-jüdischen Türken

Türkisch-jüdische Geschäftsleute aus dem Kreis des Israelitisch-Sephardischen Vereins gehörten gleichfalls zu den Gründern und aktiven Mitgliedern der Türkischen Handelskammer für Deutschland. Sie wurde im Dezember 1927 gegründet und hatte ihren Sitz am Lützowufer, in unmittelbarer Nähe des sephardischen Vereins.

Privat unterhielten einige der türkischen Juden enge Verbindungen zu türkischen Vertretern aus dem Umfeld der Botschaft. Andere besuchten den türkischen Club. Der Teppichhändler Albert Aflandary schmückte das Fenster seines Ladens mit Halbmond und Stern, den Symbolen der türkischen Flagge. Dies tat auch Leon Veissid. Davisco Asriel trug eine kleine Anstecknadel mit der türkischen Fahne.

 

Opfer der NS-Judenverfolgung

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Regierung übernommen hatten, wurden auch die türkischen Juden von ihnen verfolgt. Mit Boykottaktionen, Berufsverboten und immer weiteren Beschränkungen und Verboten grenzten die Nazis die Juden aus der Gesellschaft aus. Sie nahmen ihnen nach und nach jede Lebensgrundlage. Die Situation der türkischen Juden war widersprüchlich. Als Ausländer unterlagen sie einer Reihe diskriminierender Beschränkungen durch das Ausländerrecht. Durch das Zusammenwirken von antijüdischer und Ausländergesetzgebung waren sie folglich in besonderem Maße benachteiligt. Hingegen konnten sie teilweise von ihrem Status als Ausländer profitieren, da sie als türkische Staatsangehörige einem rechtlichen Schutz unterstanden. Der Rechtsschutz war durch internationale und bilaterale Abkommen – zum Beispiel durch den deutsch-türkischen Niederlassungsvertrag – garantiert.

Allerdings entzog die Türkei während der 1930er und ’40er Jahre den meisten der im Ausland lebenden türkischen Juden die Staatsangehörigkeit. Sie galten nun als »staatenlos«. Als Staatenlose hatten sie keine Fluchtmöglichkeit in ein anderes Land. Allein aus Berlin wurden mehr als hundert türkische Juden von den Nazis in Todeslager deportiert und ermordet.

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