Leon Veissid

Leon zieht 1903 als kleiner Junge aus Konstantinopel nach Berlin. Ende 1938 verlassen die Veissids Berlin. Sie verbringen zwei Jahre in Kuba, bevor Leon Veissid mit seiner Familie im Dezember 1941 in New York ankommt.

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Die Wurzeln

Leon Veissid fühlt sich sein Leben lang als Türke – obwohl er nur eine sehr kurze Zeit in seinem Geburtsland verbringt. Seine Familie aber lebt schon seit Jahrhunderten im Osmanischen Reich, als Leon im Jahr 1900 im damaligen Konstantinopel zur Welt kommt. Er hat einen älteren Bruder, seine Eltern betreiben eine Zigarettenmanufaktur.

Die Veissids sind in Konstantinopel Teil einer großen jüdisch-sephardischen Gemeinde. Die Ursprünge der Sepharden liegen in Spanien. Auch Leons Vorfahren mussten die Iberische Halbinsel im Zuge der »Reconquista« verlassen. Die katholischen Könige eroberten damals von den muslimischen Mauren die Iberische Halbinsel zurück und wollten sie so rasch wie möglich christianisieren. So wie die Veissids flohen damals Tausende jüdische und auch muslimische Familien vor dieser Verfolgung, der sogenannten Inquisition, ins Osmanische Reich.

1903 beschließen die Veissids, nach Berlin auszuwandern. Leon ist damals erst drei Jahre alt. Seine Eltern empfinden einen wachsenden Antisemitismus im Osmanischen Reich und hoffen, ihre wirtschaftliche Situation verbessern zu können. In Berlin eröffnen sie wiederum eine Zigarettenmanufaktur.

 

Berliner Jahre

Als junger Mann gründet Leon sein eigenes Unternehmen. Er handelt mit Orientteppichen und macht gute Geschäfte. Das Geschäft liegt in Mitte, am heutigen Checkpoint Charlie. Leon genießt das Leben im Berlin der Goldenen 20er Jahre. Er geht im Smoking tanzen, in Nachtclubs, und er ist ein guter Sportler. Leon boxt in verschiedenen Berliner Vereinen und spielt Fußball. Dennoch fühlt er sich auch häufig als Außenseiter. Er ist Jude und Türke. Mit spanischen Wurzeln. All das ist ihm wichtig: Die Veissids gehen in die Synagoge in der Fasanenstraße, Leon hat eine türkische Flagge in seinem Laden hängen und bleibt Zeit seines Lebens türkischer Staatsbürger. Die Familiensprache ist Judeo-Espanyol.

In diesen Jahren lernt Leon Minka Flaum kennen und verliebt sich in sie. Ihre Familie stammt aus Polen. Die beiden heiraten und bekommen zwei Söhne: Gerry wird 1930 geboren, Michael 1935.

 

Die Flucht

Als nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 das Leben für Juden in Deutschland zunehmend gefährlich wird, hofft Leon zunächst, mit seiner Familie dennoch bleiben zu können. Er glaubt, dass sein türkischer Pass ihn vor dem Zugriff der Nazis schützt. Nur wenige Tage nach der Reichspogromnacht allerdings wird Leon von der Gestapo verhaftet. Er hat großes Glück, die Geheimpolizisten lassen ihn nach einigen Stunden wieder gehen. Doch nun ist klar: Die Familie Veissid muss ein weiteres Mal emigrieren.

Ende 1938 verlassen die Veissids Berlin Richtung Westen und überqueren zu Fuß die deutsch-belgische Grenze. Sie warten mehrere Monate in Antwerpen, bevor sie ein Schiff besteigen, das sie in die kubanische Hauptstadt Havanna bringen soll. Es ist Rettung im allerletzten Moment: Das nächste Schiff, das den Hafen von Antwerpen verlässt, ist die St. Louis. Sie erlangt traurige Berühmtheit, weil sich sowohl Kuba als auch Kanada und die USA weigern, die jüdischen Flüchtlinge an Bord aufzunehmen, und sie schließlich nach Europa zurückkehren müssen. Den Veissids hingegen gelingt die Flucht. Sie verbringen zwei Jahre in Kuba, bevor sie in die USA einreisen.

 

Zurück auf Start

Als Leon mit seiner Familie im Dezember 1941 in New York ankommt, ist er 41 Jahre alt. Er spricht sechs Sprachen – Englisch gehört nicht dazu. Leon muss als erwachsener Mann und Familienvater noch einmal ganz von vorn anfangen. Er macht mehrere Jobs gleichzeitig und arbeitet unter anderem als Diamantschleifer, bevor er auch in den USA ins Teppich- und Antiquitätengeschäft einsteigt. Die Familie lebt in Brooklyn. Leon stirbt im April 1989.

Marco Veissid, einer von Leons Enkeln, lebt noch heute mit drei Töchtern und Frau in Brooklyn. 1997 fliegt er mit seiner Frau, die damals noch seine Freundin ist, nach Berlin. Auf dem Friedhof in Weißensee besuchen sie das Grab von Marcos Urgroßeltern Sultana und Elia Veissid, die einst aus Konstantinopel ins Deutsche Reich kamen. Vier Generationen der Familie Veissid, die so oft ihre Heimat verlassen musste, waren vereint an diesem Ort. Hier schließt sich der Kreis.

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