Johann Meyer

Mit 33 Jahren kehrt Johann Meyer in die Stadt seiner frühen Kindheit zurück, um dort zu arbeiten: Konstantinopel. Ein paar Jahre später, 1878, eröffnet er dort sein Geschäft »Meyer Uhren«.

Deutsche Handwerker in Konstantinopel

Abdül Hamid II. Sultan des Osmanischen Reichs  1876-1909

Vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik

Als Johann Meyer an den Hof des Sultans kommt um dort zu arbeiten, erklärte das Osmanische Reich seinen Staatsbankrott. Johann Meyer, seine Kinder, Enkel und Urenkel erleben in den Jahrzehnten in Istanbul viele politische und gesellschaftliche Veränderungen.

 

Vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik

Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstreckte es sich fast über den gesamten Balkan, die heutige Ukraine und die meisten arabischen Gebiete. Religion spielte für die Gesellschaft eine wichtige Rolle. Aber auch Familie, Stammeszugehörigkeit, regionale Herkunft und Beruf bestimmten die Situation der Menschen.
Absoluter Herrscher war der Sultan. Zwar verfügte er über ein Beratungsgremium und auch über Minister, aber es gab kein Parlament und keine andere Vertretung der Bevölkerung.

 

Die Reformperiode im 19. Jahrhundert

Während des 19. Jahrhunderts verlor das Osmanische Reich große Gebiete an Österreich-Ungarn und das erstarkende Russische Reich. Die Osmanen wurden in elf Kriegen aus dem Kaukasus, von der Krim, aus der heutigen Ukraine sowie aus Südosteuropa verdrängt. Auch die arabischen Gebiete gingen verloren: Algerien und Tunesien fielen unter französische, Zypern und Ägypten unter britische Kontrolle.
Parallel dazu kam es zu einem Niedergang der einheimischen Wirtschaft. Dies wiederum führte zu wachsender Verschuldung und schließlich 1875 zum Staatsbankrott. In diesem Jahr kam Johann Meyer an den Hof des Sultans, um dort als Uhrmachermeister zu arbeiten.

Aufgeschreckt durch die militärischen Niederlagen leiteten die osmanischen Herrscher Reformen ein. Diese werden als »Tanzimat« (Neuordnung) bezeichnet. In den Erlassen von 1839 und von 1856 wurde allen Untertanen, egal welcher Religion sie angehörten, das Recht auf Unverletzlichkeit der Person und des Eigentums zugestanden. In Städten, Bezirken und Provinzen wurden regionale Vertretungsorgane eingerichtet. 1876 wurde ein Grundgesetz erlassen. Dieses sah die Gleichstellung aller Bürger und die Einführung einer eingeschränkten konstitutionellen Monarchie mit gesetzgebendem Parlament vor.

Darüber hinaus wurde die Verwaltung reformiert, wurden Verkehrswege neu gebaut, Schulen und Hochschulen gegründet und ein Pressewesen eingeführt. Allein während der Regentschaft von Sultan Abdülhamid II. von 1876 bis 1909 wurden 10.000 öffentliche Schulen gegründet.
Diese Reformen lassen sich als Versuch begreifen, den Untergang des Reiches zu verhindern. Viele von ihnen wurden jedoch nur halbherzig ausgeführt oder wieder zurück genommen.
Sultan Abdülhamid II. löste das neu gegründete Parlament nach nur zwei Sitzungsperioden auf. Es sollte erst 30 Jahre später erneut einberufen werden. Oppositionelle Politiker und Intellektuelle ließ er bespitzeln und ins Exil jagen.

 

Nationalismus, die Ideologie des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert setzte sich in Europa die Idee der Nation durch: Bevölkerungsgruppen, die die gleiche Sprache sprachen oder aber derselben Religion angehörten, erklärten sich zu Nationen und wurden auch von anderen als Nation betrachtet.
Nationale Unabhängigkeitsbewegungen erkämpften die Gründung eigener Nationalstaaten. In einem Krieg von 1821 bis 1830 erkämpfte Griechenland, das bis dahin zum Osmanischen Reich gehörte, zunächst auf einem Teil seines heutigen Gebietes die Gründung eines unabhängigen Staates. Nacheinander setzten auch die Donaufürstentümer Moldawien und die Walachei (Rumänien), Serbien, Montenegro und Bulgarien ihre Autonomie durch.
Innerhalb eines Jahrhunderts verlor das Osmanische Reich etwa die Hälfte seines Gebietes.
Gleichzeitig wuchs unter den osmanischen Intellektuellen die Unzufriedenheit über die repressive Herrschaftsweise des Sultans.

 

Die Jungtürken

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entstand im Osmanischen Reich sowie im Exil eine Oppositionsbewegung, die als Jungtürken bezeichnet wird. Die Jungtürken kämpften anfangs gegen den Absolutismus Abdülhamids. Angehörige verschiedener Volksgruppen, darunter Armenier, Kurden, Araber und Juden, unterstützten sie. Bald setzte sich jedoch die türkisch-nationalistische Strömung unter den Jungtürken durch. Das Selbstverständnis der Muslime als herrschende Gruppe und die von den Nationalisten propagierte Stellung der Türken als bestimmende Nation schloss eine Gleichberechtigung der übrigen Gruppen von vornherein aus. Zunehmend wurde die »rassische Überlegenheit« der Türken propagiert.

 

Nationalistische Mobilisierung

An die Stelle der Einheit aller osmanischen Untertanen trat die Einheit der Türken.
Zur Durchsetzung der türkisch-nationalistischen Fraktion trugen die Brutalität der Balkankriege (1912 und 1913) sowie der Verlust der wirtschaftlich starken Gebiete bei. Eine wichtige Rolle spielten auch die Muslime, die als Flüchtlinge aus den Balkangebieten und aus Russland ins Reich strömten. Im Januar 1913 riss die Führung der Jungtürken um Enver Paşa und Talat Paşa durch einen Putsch die Alleinherrschaft an sich. Sie übten bis 1918 diktatorisch die Macht im Staat aus. Erneut wurden Oppositionelle unterdrückt und das Parlament aufgelöst.

 

Wirtschaftlicher Nationalismus

Die Türkisierung der Wirtschaft wurde zu einem der wichtigsten Ziele der Jungtürken. Nichtmuslime sollten verdrängt und enteignet werden.
So wurden zum Beispiel Boykottaktionen gegen nicht-türkische und nicht-muslimische Läden organisiert. Doch es blieb nicht beim Boykott: Im Frühjahr 1914 wurden Griechen terrorisiert und aus ihren Dörfern vertrieben. Rund 150.000 Griechen verließen das Land, 50.000 wurden ins Innere des Landes zwangsumgesiedelt.

 

Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs

Bis zum Frühsommer 1914 gab es keine einheitliche Haltung der jungtürkischen Führung zum sich abzeichnenden Krieg. Das änderte sich mit dem geheimen deutsch-türkischen Bündnisvertrag vom 2. August 1914 und der Neutralitätsverletzung durch die Aufnahme der deutschen Kriegsschiffe Breslau und Göben am 10. August 1914. Die deutschfreundliche Fraktion der Jungtürken setzte den Kriegseintritt des Osmanischen Reiches an der Seite Deutschlands durch.
Der Krieg führte das Osmanische Reich in eine militärische Katastrophe, die dessen Untergang besiegelte. Die Armee von 800.000 osmanischen Soldaten kämpfte zeitweilig an allen Fronten zugleich: an den Dardanellen, an der Kaukasusfront, in Persien, in Arabien, im Irak, in Ägypten sowie in Rumänien und Mazedonien. Die katastrophale Ausrüstung und Versorgung der Soldaten ist von ausländischen Beobachtern ausführlich beschrieben worden. Zehntausende Soldaten starben nicht infolge von Kampfhandlungen, sondern erfroren an der Kaukasusfront oder verhungerten in den arabischen Gebieten. Die katastrophale Situation führte zur massenhaften Fahnenflucht: Ende 1917 schätzte General Liman von Sanders, der Leiter der deutschen Militärmission, die Zahl der Desertierten auf 300.000.

 

Im Schatten des Ersten Weltkriegs: Völkermord an den Armeniern

Der Versuch der osmanischen Armee, gegen die russischen Truppen in den Kaukasus vorzustoßen, endete im Winter 1914/15 bei Sarıkamış in einer Tragödie. Hier starben etwa 78.000 Soldaten, das waren 90 Prozent dieser Armee. Die meisten Soldaten erfroren oder verhungerten. Um von der eigenen Verantwortung abzulenken, machte die Regierung die Armenier für die Niederlage verantwortlich. Sie würden desertieren und wurden als Verräter bezeichnet. Dabei war die Desertion keineswegs auf Armenier oder Nichtmuslime beschränkt. Doch sie wurden höher bestraft, oftmals mit der Zerstörung ganzer Ortschaften, wogegen sich die Armenier wehrten.
Ein regionaler Aufstand sowie die Beschuldigung des »Vaterlandsverrats« diente den Machthabern als Vorwand für eine großangelegte Festnahmeaktion. Am 24. April 1915 wurden in Istanbul 235 bekannte armenische Persönlichkeiten festgenommen, darunter zahlreiche Schriftsteller, Journalisten, Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Musiker sowie mehrere Geistliche. Die meisten von ihnen wurden später ermordet. Die Armenier, die in der osmanischen Armee dienten, wurden entwaffnet, in Zwangsarbeitskommandos gesteckt oder umgebracht. In den folgenden 15 Monaten wurde die armenische Bevölkerung aus allen Teilen des Osmanischen Reiches in die Wüstengebiete Syriens deportiert. Lediglich die Armenier in Istanbul und Izmir blieben weitgehend verschont. Über 1,5 Millionen Armenier starben während der Todesmärsche oder gingen in den Todeslagern in der Wüste zugrunde. Im September 1915 wurde ein Gesetz erlassen, demzufolge der Besitz der Deportierten dem türkischen Staat zufiel. Betriebe, Läden und Landbesitz von je einer Million Armeniern und Griechen wurden von muslimischen Türken in Besitz genommen.

 

Das Ende des Osmanischen Reiches: Der Vertrag von Sèvres

Mit dem Waffenstillstand vom 30. Oktober 1918 unterschrieb der Vertreter des Osmanischen Reichs die bedingungslose Kapitulation. Bereits während des Kriegs hatten Großbritannien und Frankreich in einem Geheimvertrag die Aufteilung der arabischen Gebiete unter sich vereinbart.
Im August 1920 wurde zwischen den Vertretern der Entente, dem Militärbündnis zwischen Frankreich, England und Russland und einem Bevollmächtigten des osmanischen Sultans der Vertrag von Sèvres geschlossen. Im Wesentlichen war er ein Diktat der Siegermächte und schrieb die bereits abgesprochene Aufteilung der osmanischen Gebiete fest. Die neu gebildeten arabischen Staaten wurden französischer und britischer Mandatsmacht unterstellt. Keine der Großmächte unternahm ernsthafte Schritte, um die den Armeniern und Kurden gemachten Versprechen durchzusetzen. Die USA lehnten die Übernahme eins Mandats über Armenien ab. Der Vertrag von Sèvres trat nie in Kraft, weil er von kaum einem der Vertragsstaaten ratifiziert wurde.

 

Der Vertrag von Lausanne und der Bevölkerungsaustausch

Nach dem türkisch-griechischen Krieg wurde im Juli 1923 der Vertrag von Lausanne geschlossen. Den religiösen Minderheiten wurden zwar in den Artikeln 37–45 bestimmte Rechte zuerkannt, faktisch legitimierte der Vertrag jedoch nachträglich die Vertreibung und Ermordung der Griechen und Armenier. Bereits im Januar 1923 war ein »Bevölkerungsaustausch« zwischen der Türkei und Griechenland vereinbart worden. Danach wurden etwa 1,5 Millionen orthodoxe Christen aus Anatolien nach Griechenland und umgekehrt eine halbe Million Muslime aus Thrakien in die Türkei umgesiedelt. Da diese Umsiedlungen strikt nach religiöser Zugehörigkeit durchgeführt wurden, mussten auch etwa 50.000 Karamanlı, türkischsprachige orthodoxe Christen gegen ihren Willen Anatolien verlassen. Vor den Kriegen und der Vertreibung machten Griechen und Armenier auf dem Gebiet der heutigen Türkei mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Als Mustafa Kemal Paşa am 29. Oktober 1923 die Republik Türkei ausrief, hatten Krieg, Vertreibung und »Bevölkerungsaustausch« zu einer weitgehend neuen Zusammensetzung der Bevölkerung Anatoliens geführt.

Zeitleiste