Dorothea Brander

Dorothea Brander lebt in Oranienburg bei Berlin, bis sie mit ihrer Familie 1935 in die Türkei, nach Ankara migriert. Dies bleibt nicht der letzte Umzug in ihrem Leben.

Exil in der Türkei

Nach dem Exilanten Eduard Zuckmayer benannte Bibliothek in der Gazi- Universität in Ankara

Arbeitsverbote für Ausländer

So wie die Familie Merzbacher gehen Hunderttausende während der NS-Zeit ins Exil, um das eigene Leben zu retten. Einige wenige dieser Flüchtlinge migrieren ab 1933 in die Türkei. Bei ihnen handelt es sich vor allem um Wissenschaftler und Fachleute.

 

Exil in der Türkei

»In der Fabrik wussten sie, dass mein Vater Jude ist«, erzählt Dorothea Brander, geborene Merzbacher. »Daher haben sie ihm angeboten, ihn in die Türkei zu schicken.« Auf diese Weise konnten Dorothea und ihre Familie Deutschland verlassen. So wie Familie Merzbacher gingen Hunderttausende ins Exil, um das eigene Leben zu retten. Dorotheas Familie gelangte mit dem berühmten Orientexpress nach Istanbul.

 

Wer ging ins Exil?

Von 1933 bis Anfang 1938 verließen etwa 150.000 jüdische Menschen Deutschland – das war ein Viertel der hier lebenden 600.000 Juden. Bis zum Verbot der Auswanderung im Oktober 1941 floh etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Juden beziehungsweise als Juden kategorisierten Menschen. Denn auch Menschen, die zum Christentum übergetreten oder aus dem Judentum ausgetreten waren, galten nach den »Rassegesetzen« der Nationalsozialisten weiterhin als Juden. Auch Angehörige und Ehepartner von Juden, die nach diesen Gesetzen als »jüdisch versippt« galten, folgten ihren Partnern ins Exil. Ebenso emigrierten Nicht-Juden. Zum Beispiel, weil sie als Nazi-Gegner Gewalt und Verfolgung zu fürchten hatten oder weil sie aus Gewissensgründen nicht dem NS-Regime dienen wollten. Die Zahl der politischen Exilanten war allerdings viel geringer als die der jüdischen Exilanten.

 

Fluchtlinien – Aufnahmeländer

In den ersten Jahren nach 1933 gingen etwa 70 Prozent der Emigranten in die Nachbarländer Deutschlands. Ab 1940, nach der Besetzung dieser Staaten durch die deutsche Wehrmacht, fielen viele dieser Flüchtlinge ihren Verfolgern schließlich doch in die Hände.
1934 wurde Palästina zum wichtigsten Aufnahmeland: 37 Prozent der Flüchtlinge kamen hierher. Ab 1936 traten 45 Prozent der Emigranten den Weg nach Übersee an, also in die USA, nach Südamerika, nach Südafrika und Australien. 1937 und 1938 waren dies schon zwei Drittel der Emigranten. Allerdings waren für die wichtigen Zielländer – die USA und Palästina – die Einreisevisa begrenzt.
Einige wenige dieser Flüchtlinge – etwa 150 bis 200 Familien – gingen ab 1933 in die Türkei. Bei ihnen handelte es sich vor allem um Wissenschaftler und Fachleute.

 

Flüchtlinge nicht erwünscht

Insgesamt bot die Türkei aber nur sehr wenigen jüdischen Menschen und politisch Verfolgten aus Deutschland Exil. Mehrere Versuche prominenter Einzelpersonen und jüdischer Organisationen, die Türkei zur Aufnahme einer größeren Anzahl jüdischer Flüchtlinge zu bewegen, scheiterten. In Statistiken über Fluchtländer von Juden taucht die Türkei daher nicht auf.

Ab 1937 ergriff die Türkei Maßnahmen, um die Immigration von Juden zu verhindern. Als im Laufe des Jahres 1938 die Zahl der jüdischen Flüchtlinge international stark anstieg, erließ die Türkei zwei Gesetze, die die Einreise bzw. den Aufenthalt von Menschen ohne Pass oder Staatsangehörigkeitspapieren untersagten. Diese Gesetze richteten sich somit nicht wörtlich gegen Juden. Hintergrund war aber die Tatsache, dass eine zentrale antijüdische Maßnahme Deutschlands und weiterer Staaten darin bestand, Juden die Staatsangehörigkeit zu entziehen. Am 29. August 1938 erließ die türkische Regierung ein Dekret, das »ausländischen Juden, die in ihren Heimatländern Restriktionen unterworfen sind«, die Einreise in die Türkei untersagte.
Die Türkei war allerdings nicht das einzige Land, das eine Einwanderung jüdischer Flüchtlinge zu verhindern suchte. Im Gegenteil: Viele Staaten verschlossen den jüdischen Flüchtlingen ihre Tore.

 

Ein Hilfskomitee vermittelt Arbeit

Im Mai 1933 verkündete die türkische Regierung eine Hochschulreform. Die im 19. Jahrhundert gegründete Universität namens Dârülfünun sollte geschlossen werden. An ihrer Stelle wurde eine moderne Universität gegründet; für diese suchte man international nach Lehrpersonal.
Genau zur gleichen Zeit gründeten einige der im Dritten Reich entlassenen jüdischen Wissenschaftler in der Schweiz ein Hilfskomitee. Über dessen Vermittlung fand eine große Zahl von ihnen eine Anstellung in der Türkei. Einige waren auch ohne die Vermittlung des Hilfskomitees in die Türkei gegangen. Ab dem Wintersemester 1933/34 lehrten 82 deutsche Professoren in der Türkei, weitere 70 bis 100 Personen arbeiteten als Assistenten, Lektoren und medizinisches oder technisches Personal.
Andere jüdische oder politisch-oppositionelle Emigranten fanden Arbeit als Architekten oder Stadtplaner. Aus Deutschland emigrierte Ärzte arbeiteten beim Aufbau staatlicher Gesundheitseinrichtungen mit. Auch andere staatliche Institutionen, wie zum Beispiel das Konservatorium in Ankara, beschäftigten deutsche Emigranten.

 

NS-Verfolgung auch im Ausland

Auch in der Türkei waren die Emigranten einer ständigen Überwachung durch die reichsdeutschen Stellen (Botschaft, Konsulate, NS-Organisationen) ausgesetzt. Im Mai 1939 entsandte die Auslandsabteilung des Reichserziehungsministeriums den Oberregierungsrat Herbert Scurla zu einer vierzehntägigen Inspektionsreise in die Türkei. Er sollte die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer an türkischen Hochschulen überprüfen. Scurla listete Exilwissenschaftler auf und notierte, ob es sich bei ihnen um Juden handelte. Er fordert Maßnahmen gegen die jüdischen Emigranten, wie etwa ihre Ausbürgerung.
Ohnehin hatten die Nazi-Stellen schon seit 1933 viele prominente politische Oppositionelle, die Deutschland verlassen hatten, ausgebürgert und ihren Besitz beschlagnahmt. Dies wurde in den folgenden Jahren fortgesetzt.
Im Oktober 1938 mussten sich alle Juden deutscher Staatsangehörigkeit ein großes rotes »J« in den Pass stempeln lassen, um sich so als Juden kenntlich zu machen. Dazu zählten seit der Annexion Österreichs im April 1938 auch die vormals österreichischen Juden. Dies galt auch für im Ausland lebende deutsche Juden. Ende November 1941 entzog Deutschland schließlich allen jüdischen Emigranten die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele von ihnen wurden aus der Türkei ausgewiesen.

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