Dorothea Brander

Dorothea Brander lebt in Oranienburg bei Berlin, bis sie mit ihrer Familie 1935 in die Türkei, nach Ankara migriert. Dies bleibt nicht der letzte Umzug in ihrem Leben.

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Von Brandenburg nach Anatolien

Dorothea kommt am 14. April 1924 in Berlin zur Welt. Damals heißt sie noch Dorothea Merzbacher. Sie wächst als jüdisches Mädchen im nationalsozialistischen Deutschland auf. Mit ihren Eltern und dem drei Jahre älteren Bruder Eugen lebt sie in Oranienburg, einer Kleinstadt nahe Berlin. Zwar gehen die Kinder in die Synagoge zum Religionsunterricht, doch die Familie praktiziert den jüdischen Glauben nicht und begeht zum Beispiel keine jüdischen Feiertage. Vater Siegfried Merzbacher ist Chemiker. Er arbeitet für die Auergesellschaft. Dort ist bekannt, dass er Jude ist. Deswegen wird er 1935, also zwei Jahre nach dem Machtantritt Hitlers, in die Türkei versetzt. Für die Familie ist das ein großes Glück: Die Merzbachers entkommen dem nationalsozialistischen Deutschland. In ihrer neuen Heimat müssen sie nicht wie so viele andere jüdische Familien im Exil bei Null anfangen. Es ist klar, dass für den Lebensunterhalt der Familie zumindest vorerst gesorgt sein wird. Ihr Ziel ist Ankara, die Hauptstadt der jungen türkischen Republik.

 

Türkisches Exil

Dorothea ist elf Jahre alt, als sie und ihre Familie in den Zug steigen, der sie in die Türkei bringen soll. Sie reisen mit dem berühmten Orient-Express, der Westeuropa mit dem Nahen Osten verbindet. Für Dorothea ist damals alles ein großes Abenteuer. Im Oktober 1935 kommen die Merzbachers in der Türkei an. Dorotheas Vater baut in Ankara eine Chemiefabrik auf und leitet sie später.

Die Merzbachers sind nicht die einzigen deutschen Flüchtlinge in der Türkei. Sie treffen viele Familien, die vor den Nazis aus Deutschland geflohen sind. Mit einigen freunden sie sich an. 1940 wird der Familie die deutsche Reichsbürgerschaft aberkannt und das Vermögen, das noch auf deutschen Bankkonten liegt, wird beschlagnahmt.

In Ankara bekommt Dorothea Privatunterricht, zusammen mit den Kindern anderer Exilanten. Ihre Eltern fürchten wohl, dass es an türkischen Schulen zu streng zugeht. Einen Sommer lang landet Dorothea dann aber doch noch auf einer öffentlichen Mädchenschule in Ankara: Sie macht dort ihr Mittelschulexamen, das sie braucht, um eine Ausbildung zu machen. Eigentlich will Dorothea Volksschullehrerin werden, doch als Migrantin in der Türkei darf sie das nicht. Hutmacherin ist einer der wenigen Berufe, den Dorothea ausüben darf. Also beginnt sie einen zweijährigen Kurs an einer Modeschule. Sie fühlt sich wohl dort und hat viele Freunde. Doch die Ausbildung ist am Ende vergebens: Als Dorothea fertig ist, heißt es, dass sie auch als Hutmacherin nicht arbeiten darf. Dorothea schneidert also erst einmal privat für Bekannte und Freunde. Ihre berufliche Zukunft ist ungewiss.

 

Von Schottland um die Welt nach Schottland

Eine Begegnung bringt dann eine ganz neue Wendung in ihr Leben: 1944 lernt Dorothea den Englischlehrer Donald Brander kennen. Er ist Schotte und arbeitet in Ankara am British Council, dem britischen Kulturinstitut. Ein Jahr später heiraten die beiden. Sie folgt ihm in seine schottische Heimat, dort gründen sie eine Familie: 1946 kommt Tochter Kirstine Ann in Glasgow zur Welt, 1947 Sohn Keith MacKinnon in Bratislava, 1951 die jüngste Tochter Alison Mary in Edinburgh.

Als Angestellter des British Council wird Donald alle paar Jahre versetzt. Die Familie zieht um die ganze Welt, lebt zum Beispiel in der damaligen Tschechoslowakei, in Island und dem Iran, bis sich die Branders in den 60er Jahren im schottischen Edinburgh niederlassen. Das ist Dorotheas große Chance, endlich selbst einen Beruf zu erlernen und zu arbeiten: Mit über 40 beginnt sie, Sozialarbeit zu studieren, und ist danach mehr als 20 Jahre in der Adoptionshilfe und im Opferschutz beschäftigt. Heute ist sie im Ruhestand.

Donald stirbt im Jahr 2006, Dorothea lebt noch immer in Edinburgh. Sie ist sehr aktiv, lernt Spanisch, besuchte Geschichtskurse an der Universität. Einmal im Jahr trifft Dorothea ihren Bruder Eugen Merzbacher, der in den USA wohnt, in ihrer gemeinsamen ersten Heimat Berlin.

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