Wer ist Anne?

Dieser Teil der Ausstellung erzählt die Geschichte von Anne, ihrer Familie und ihren Freund*innen. Er erzählt auch von der Verfolgung und der Zeit im Versteck. Sechs Bereiche zeigen je einen Lebensabschnitt.

Annes Kindheit in Deutschland, 1929–1933

Otto Frank mit Margot und Anne, 1931 © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam
Otto Frank mit Margot und Anne, 1931 © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam

Am 12. Juni 1929 wird Annelies Marie Frank in Frankfurt am Main geboren. Ihre Familie nennt sie »Anne«. Sie lebt mit ihrem Vater Otto, ihrer Mutter Edith und ihrer älteren Schwester Margot in einem schönen Haus mit Garten. Sie spielen oft mit den Nachbarskindern. 1933 kommt eine antisemitische Partei an die Macht. Die Mitglieder werden Nazis genannt. Auch der neue Bürgermeister von Frankfurt ist ein Nazi. Otto und Edith fühlen sich bedroht. Sie entscheiden sich, ihr Land zu verlassen. Anne ist vier Jahre alt, als sie mit ihrer Familie zu einem neuen Leben in den Niederlanden aufbricht.

»Als sich viele meiner Landsleute in Horden nationalistischer, grausamer, antisemitischer Verbrecher verwandelten, mußte ich die Konsequenzen ziehen, und obwohl es mich zutiefst schmerzte, sah ich ein, daß Deutschland nicht die Welt war und verließ das Land für immer.«
Otto in einem Brief an Cara Wilson, 19. Juni 1968


 

Annes neues Zuhause in den Niederlanden, 1933–1940

Anne mit ihren Freund*innen im Sandkasten © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam
Anne mit ihren Freund*innen im Sandkasten © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam

Annes Mutter Edith findet in Amsterdam eine Wohnung für die Familie. Anne und ihre Schwester Margot gehen zur Schule. Sie lernen schnell Niederländisch. Der Vater Otto arbeitet sehr viel in seiner neuen Firma. Er leitet die Niederlassung des deutschen Marmeladenherstellers Opekta. Die Familie will weiter nach England oder in die USA auswandern. Das ist nicht möglich. Am 1. September 1939 überfallen die deutschen Soldaten Polen. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Edith und Otto fragen sich: Greifen die Nazis auch die Niederlande an?

»... ich glaube alle deutschen Juden suchen heute die Welt ab und können nicht mehr rein.«
Edith Frank an ihre Freundin Hedda Eisenstaedt in einem Brief vom 24. Dezember 1937


 

Annes Leben in Gefahr, 1940–1942

Margot, Otto, Anne und Edith Frank auf dem Merwedeplein, 1941 © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam
Margot, Otto, Anne und Edith Frank auf dem Merwedeplein, 1941 © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam

Am 10. Mai 1940 wird die größte Angst von Annes Eltern wahr: Die deutschen Soldaten erobern die Niederlande. Auch hier erlassen die Nazis antijüdische Gesetze. Im Januar 1941 müssen alle Jüdinnen und Juden den Nazis ihre Adresse geben. Die Nazis verbieten, dass jüdische Kinder eine öffentliche Schule besuchen. Nach den Sommerferien müssen Anne und ihre Schwester Margot ihre Schulen verlassen. Am 12. Juni 1942, ihrem 13. Geburtstag, bekommt Anne ihr erstes Tagebuch geschenkt. Kurze Zeit später bekommt Margot einen Brief von den Nazis. Margot muss sich zur Zwangs-Arbeit in Deutschland melden. Die Eltern fürchten um Margots Leben. Sie haben einen Plan, um Margot und die Familie zu retten.

»Verstecken! Wo sollten wir uns verstecken? In der Stadt? Auf dem Land? In einem Haus, in einer Hütte? Wann? Wie? Wo? Das waren Fragen, die ich nicht stellen konnte und die mich doch nicht losließen.« Annes Tagebuch, 8. Juli 1942


 

Annes Zeit im Versteck, 1942–1944

Ehemaliges Zimmer von Anne und Fritz, Fotografie, 1998 © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam
Ehemaliges Zimmer von Anne und Fritz, Fotografie, 1998 © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam

Am 6. Juli 1942 geht die Familie Frank in ihr Versteck. Annes Eltern haben im Hinterhaus von Ottos Firma eine Wohnung eingerichtet. Seine engsten Angestellten sind bereit zu helfen. Auch die Familie van Pels kommt im Hinterhaus unter. Im November nehmen die Familien noch einen Verfolgten auf: Fritz Pfeffer. Mehr als 2 Jahre leben diese 8 Menschen auf engem Raum zusammen. Sie sind schlecht versorgt und haben ständig Angst, entdeckt und von den Nazis deportiert zu werden.

»Vater, Mutter und Margot können sich noch immer nicht an das Geräusch der Westerturmglocke gewöhnen, die jede Viertelstunde angibt, wie spät es ist. Ich schon, mir hat es sofort gefallen, und besonders nachts ist es so etwas Vertrautes.« Annes Tagebuch, 11. Juli 1942


 

Annes letzte 6 Monate, 1944-1945

Grabstein für Margot und Anne auf dem Gelände der Gedenk-Stätte Bergen-Belsen, 2003, Fotografie, Arne List
Grabstein für Margot und Anne auf dem Gelände der Gedenk-Stätte Bergen-Belsen, 2003, Fotografie, Arne List

Am 4. August 1944 werden die acht Menschen im Hinterhaus entdeckt. Möglicherweise hat sie jemand verraten. Bewaffnete Nazis betreten das Versteck. Sie verhaften und deportieren die acht Verfolgten und zwei ihrer Helfer. Die Helferinnen Miep und Bep haben Glück. Sie bleiben verschont. Sie finden Annes Tagebuch. Miep bewahrt es auf. Am 3. September 1944 sperren die Nazis die Verhafteten in Vieh-Waggons. Die Zugfahrt dauert 3 Tage und 3 Nächte. Der Zug hält nachts im Konzentrationslager  Auschwitz-Birkenau. Die Nazis trennen die Deportierten nach Frauen und Männern. Anne und ihre Schwester Margot bleiben zunächst bei ihrer Mutter Edith. Ende Oktober deportieren die Nazis die Schwestern erneut. Sie werden mit dem Zug in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht. Auch hier leiden sie unter den schrecklichen Bedingungen. Im Winter erkranken sie an Typhus. Anne stirbt kurz nach Margot im Februar 1945.

»Die Mädchen Frank waren schon stark abgemagert und sahen schrecklich aus. […] Typhus war das Kennzeichen von Bergen-Belsen. Sie bekamen diese ausgehöhlten Gesichter, Haut über den Knochen. Sie froren schrecklich, weil sie die ungünstigsten Plätze der Baracke hatten, unten an der Tür, die ständig auf und zu ging. Man hörte sie dauernd schreien: ›Tür zu, Tür zu‹, und diese Rufe wurden jeden Tag etwas schwächer.«
Rachel van Amerongen-Frankfoorder in einem Interview mit Willy Lindwer

Worterklärungen aus den Bildunterschriften:   *Durchgangslager Westerbork  *Sinto  *Sintezza* und Romnja*

 


 

Annes Tagebuch und Ottos Rückkehr, 1945-1947

Otto mit den Helfer*innen, Oktober 1945, Fotografie. Von links nach rechts: Miep, Johannes, Otto, Victor und Bep © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam
Otto mit den Helfer*innen, Oktober 1945, Fotografie. Von links nach rechts: Miep, Johannes, Otto, Victor und Bep © Fotosammlung des Anne Frank Hauses Amsterdam

Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee Auschwitz. Annes Vater Otto ist noch am Leben. Er weiß nichts vom Schicksal seiner Familie. Seine Rückkehr in die Niederlande dauert mehrere Monate. Er reist zusammen mit anderen Überlebenden. Otto setzt alles daran, seine Töchter zu finden. Im Juli erfährt er: Anne und Margot haben nicht überlebt. Miep übergibt ihm Annes Tagebuch. Darin liest Otto: Anne wollte ihre Aufzeichnungen veröffentlichen. Er erfüllt ihren Wunsch: 1947 erscheint Annes Tagebuch unter dem Titel »Het Achterhuis« (Das Hinterhaus).

»Über vieles kann ich heute noch nicht sprechen. Über vieles will ich es auch nicht mehr. Zum Beispiel über meine Gefühle, als man uns aus unserem Amsterdamer Versteck trieb, oder als in Auschwitz auf der Rampe meine Familie auseinandergerissen wurde.«
Otto Frank, 4. Februar 1979