Leon Veissid

Leon zieht 1903 als kleiner Junge aus Konstantinopel nach Berlin. Ende 1938 verlassen die Veissids Berlin. Sie verbringen zwei Jahre in Kuba, bevor Leon Veissid mit seiner Familie im Dezember 1941 in New York ankommt.

Türkische Juden in Deutschland

Die St. Louis im Hafen von Havanna im Juni 1939

Die Konferenz von Evian

Seit der Regierungsübernahme der NSDAP werden jüdische Menschen ihrer Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Tausende jüdischer Menschen verlassen Deutschland. Die Familie Veissid kann nach Kuba auswandern. Viele andere haben diese Chance nicht.

 

Jüdische Emigration und Flucht aus dem Dritten Reich

Seit der Regierungsübernahme der NSDAP Ende Januar 1933 wurden jüdische Menschen in Deutschland Schritt für Schritt ihrer sämtlichen Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Allein zwischen 1933 und 1937 traten 135 antijüdische Gesetze in Kraft. Als Folge dessen verließen schon 1933 etwa 35.000 Juden Deutschland, auch in den folgenden Jahren waren es jeweils etwa 20.000. Viele Juden klammerten sich zunächst an die Hoffnung, dass sich die Situation wieder beruhigen würde. Deutschland war ihr Heimatland, sie waren hier aufgewachsen, Deutsch war ihre Muttersprache; ihr Besitz, ihre Freunde, ihre Umgebung waren hier. Schließlich mussten sie feststellen, dass sich die Situation keineswegs »beruhigte«, sondern immer schlimmer wurde.

 

Die Konferenz von Evian

Doch je schlimmer die Unterdrückung und je größer die Zahl der betroffenen Juden wurde, umso schwieriger wurde es für sie, ein Fluchtland zu finden. Immer mehr Staaten erließen Einreiseverbote, sperrten ihre Grenzen, internierten bereits eingereiste Flüchtlinge in Lagern oder schoben sie über die Grenze ins nächste Land ab. Die von den Nazis verhängten Arbeitsverbote für Juden und weitere Maßnahmen zu ihrer Enteignung führten zur Verarmung der meisten Juden, die in Deutschland geblieben waren. Laut einer Verordnung vom Juni 1938 durften sie bei der Ausreise aus Deutschland nur noch Bargeld in Höhe von zehn Reichsmark mitnehmen. Auch dies machte es immer schwerer, ein Aufnahmeland zu finden, da kein Land bereit war, mittellose Flüchtlinge aufzunehmen.
Vor diesem Hintergrund regte der US-Präsident Franklin D. Roosevelt eine internationale Tagung an. Auf ihr sollte erörtert werden, wie jüdischen Flüchtlingen geholfen werden konnte. Vom 6. bis 15. Juli 1938 berieten sich Delegierte aus 32 Ländern und Vertreter dutzender jüdischer Hilfsorganisationen im französischen Kurort Evian. Doch die Vertreter sämtlicher Länder – mit Ausnahme der Dominikanischen Republik – trugen wortreiche Begründungen vor, warum ihr Staat nicht in der Lage sei, weitere Verfolgte aufzunehmen. Die Konferenz war ein beschämendes Zeugnis von Desinteresse und Ignoranz gegenüber der Not der Menschen.

 

Flucht ins Niemandsland

Verzweifelt versuchten die Juden, auf legalen oder illegalen Wegen aus Deutschland zu fliehen. Die meisten der jüdischen Deutschen waren erst in die unmittelbaren Nachbarländer geflohen. Nachdem das nationalsozialistische Deutschland diese überfallen und besetzt hatte, boten auch sie keinen sicheren Schutz mehr. Viele emigrierten daher nach Übersee.
Wochenlang standen sie vor Konsulaten lateinamerikanischer Länder, um ein Visum für irgendein Land in Übersee zu bekommen. Sie bezahlten oft ihr letztes Geld für eine Schiffspassage, bei der häufig nicht einmal feststand, ob und wo die Passagiere an Land gehen konnten.
Das bekannteste Beispiel eines solchen Schiffes, das mit jüdischen Flüchtlingen im Niemandsland zwischen verschiedenen Staaten hin- und herfuhr, ist die St. Louis. Leon Veissid war kurz vor der St. Louis mit einem anderen Schiff in Havanna angekommen. Die Familie Veissid durfte aufgrund ihrer türkischen Pässe einreisen. Leon Veissid erlebte kurz darauf, wie mit den Flüchtlingen der St. Louis umgegangen wurde.

 

Die Irrfahrt der St. Louis

Mehr als 900 jüdische Flüchtlinge verließen am 13. Mai 1939 an Bord der St. Louis den Hamburger Hafen. Doch ihre Reise wird zu einer Irrfahrt. Als das Schiff am 27. Mai in Havanna ankommt, verweigert ihnen die kubanische Regierung die Einreise. Nur 29 Passagiere dürfen an Land gehen, die Visa der übrigen Passagiere werden von der Regierung nicht anerkannt.
Eine Woche lang ankert das Schiff vor dem Hafen in Havanna, während der Kapitän und Vertreter jüdischer Hilfsorganisationen mit der kubanischen Regierung verhandeln, um doch noch eine Einreisegenehmigung für die Passagiere zu erwirken. Auch die US-Regierung verweigert den Flüchtlingen die Aufnahme. Die Reederei in Hamburg ordnet die Rückkehr des Schiffes nach Hamburg an.
Die Passagiere an Bord sind verzweifelt und unter keinen Umständen bereit, nach Deutschland zurückzukehren. Eine große Anzahl der Flüchtlinge kündigt einen kollektiven Selbstmord an, sollte das Schiff sie nach Deutschland zurückbringen. Aufgrund der verzweifelten Petitionen der Flüchtlinge gewähren Belgien, Holland, Frankreich und England ihnen schließlich Aufnahme. Die Passagiere können am 17. Juni 1939 in Antwerpen (Belgien) von Bord gehen. Eine trügerische Sicherheit. Ein knappes Jahr später überfällt NS-Deutschland die westlichen Nachbarstaaten. Fast die Hälfte der ehemaligen St.-Louis-Passagiere kommt in den Konzentrationslagern von Auschwitz, Sobibor und Bergen-Belsen ums Leben.

 

Gründe für die jüdische Massenemigration aus Deutschland

Hintergrund für die massenhafte Emigration waren die Verbote und Schikanen und Abwertungen, mit denen jüdische Menschen täglich konfrontiert waren. Naziorganisationen wie die SA organisierten Boykottaktionen vor jüdischen Läden, Juden wird die Ausübung zahlreicher Berufe untersagt, jüdische Jugendliche aus Schulen und Universitäten gedrängt, immer neue Verbote folgen: das Baden im Freibad, die Benutzung von Fahrrädern, das Halten von Haustieren, der Besitz von Radios, der Besuch von Kinos, die Benutzung von Bussen, das Sitzen auf Parkbänken und noch viele mehr. Eheschließungen und Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nichtjuden wurden verboten. Sportvereine und Kegelklubs schließen ihre jüdischen Mitglieder aus. An Ortseinfahrten, Parks und Gaststätten hängen Schilder, die Juden den Zutritt untersagten. Die gesetzlichen und bürokratischen Verbote wurden ergänzt durch Hänseleien, Schikanen und tätliche Angriffe seitens der meisten nicht-jüdischen Deutschen, oft sogar der Nachbarn oder (ehemaligen) Kollegen.

Im März 1938 marschiert die deutsche Wehrmacht, begleitet von SS und Polizei, in Österreich ein. Österreich wird Teil des Deutschen Reiches. Der Einmarsch der Deutschen in Wien wird begleitet von brutalen Misshandlungen der jüdischen Bevölkerung: Sie wurden von ihren Nachbarn verprügelt, mussten mit Zahnbürsten die Straßen reinigen oder die Plünderung ihrer Läden mit ansehen. Hunderte begehen Selbstmord.
Fortan gelten die antisemitischen Bestimmungen auch für die in Österreich lebenden Juden. Auch andere Staaten, wie Italien und Rumänien, erlassen antijüdische Gesetze.

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