Dorothea Brander

Dorothea Brander lebt in Oranienburg bei Berlin, bis sie mit ihrer Familie 1935 in die Türkei, nach Ankara migriert. Dies bleibt nicht der letzte Umzug in ihrem Leben.

Exil in der Türkei

Zeitungsartikel mit dem Gesetzestext zu den Arbeitsverboten. Erschienen in der Tageszeitung »Türkische Post« am 23.6.1932 in Stambul.

Arbeitsverbote für Ausländer

In der Türkei zu arbeiten, ist für Zugewanderte in den 1920er und 1930er Jahren nicht einfach. Es gibt nur wenige Berufe, die Nicht-Türken ausüben dürfen. Hutmacherin ist einer davon, und so beginnt Dorothea ihre Ausbildung an einer Modeschule.

 

In der Türkei zu arbeiten, war für Zugewanderte nicht einfach. Dorothea konnte nicht Volksschullehrerin werden, wie sie das gern gewollt hätte. Es gab nur wenige Berufe, die Nicht-Türken ausüben durften. Hutmacher war einer davon, und so beginnt Dorothea ihre Ausbildung an einer Modeschule. Doch die Gesetzeslage ändert sich, als die junge Frau ihre Lehre abschließt – sie darf nun doch nicht als Hutmacherin arbeiten.

 

Das Berufssperregesetz vom Juni 1932

Am 11. Juni 1932 verabschiedete das türkische Parlament das Gesetz Nummer 2007. Dieses verbot den Ausländern und Ausländerinnen in der Türkei die Ausübung zahlreicher Berufe. Wörtlich heißt es in dem Gesetz:
»In der Republik Türkei werden die unten aufgeführten Berufe und Dienstleistungen ausschließlich von türkischen Staatsbürgern ausgeübt. Die Ausübung dieser Berufe und Dienstleistungen durch Menschen, die nicht die türkische Staatsbürgerschaft besitzen, ist untersagt.
A.) Straßenhandel; Musiker; Fotograf; Barbier (Männerfriseur); Setzer; Makler; die Herstellung von Kleidung, Hüten oder Schuhen; Börsenmakler; der Verkauf von Waren, die dem staatlichen Monopol unterliegen; Übersetzer oder Führer für Reisende; Beschäftigung im Bereich der Bau-, Eisen- oder Holzindustrie; dauernde oder vorübergehende Beschäftigung bei öffentlichen Verkehrsmitteln sowie im Bereich der Wasserversorgung, Beleuchtung, Heizung und des Nachrichtenverkehrs (Post- und Fernmeldewesens); Lade- und Löscharbeiten an Land [bezieht sich auf Schiffe]; Chauffeur und Chauffeursgehilfe; allgemeine Hilfsarbeiten; Arbeiten als Wächter, Pförtner oder oberster Zimmerkellner bei jeder Art von Unternehmen, Handelshaus, Geschäftshaus, Hotel oder Firma; Kellner in Hotels, Herbergen, Hamams (öffentlichen Badehäusern), Cafés, Casinos, Tanzgaststätten und Bars; Tänzer oder Sänger in Bars;
B.) Tierarzt und Chemiker.«

Dieses Berufssperregesetz war der Höhepunkt einer Politik, die die kemalistische Regierung seit Ausrufung der Republik 1923 verfolgt hatte. Ausländische Firmen bekamen die Auflage, nur noch türkisch-muslimische Arbeiter , Arbeiterinnen und Angestellte zu beschäftigen.

Das Beamtengesetz von 1926 schrieb in Artikel 4 vor, dass im Staatsdienst nur Türken arbeiten dürften. Dies betraf alle Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, also auch einfache Berufe wie zum Beispiel Straßenbahnfahrer oder Hafenarbeiter.
1926 wurde die Berufe des Apothekers und des Optikers für Nicht-Türken gesperrt. Im Laufe des Jahres 1928 wurden mehrere Gesetze verabschiedet, die die Zugangsvoraussetzungen zu bestimmten Berufen regelten, danach konnten nur türkische Staatsbürger und Staatsbürgerinnen Arzt, Zahnarzt, Hebamme, Krankenschwester usw. werden.

 

Maßnahmen gegen Nicht-Muslime

In der Praxis richtete sich diese Politik aber nicht gegen ausländische Unternehmen, sondern vor allem gegen die nicht-muslimische Bevölkerung der Türkei. Die Formulierung »türkische Staatsangehörige« in den jeweiligen Gesetzen und Vorschriften meinte in der Praxis häufig »ethnische Türken«. In den Jahren 1923–24 wurden zunächst ausländische Unternehmen und Banken von der Regierung zur Entlassung nicht–muslimischer Angestellter aufgefordert, wobei der Mindestanteil muslimischer Beschäftigter von staatlicher Seite vorgegeben wurde. Überall wurden Griechen, Juden und Armenier in großen Gruppen ohne eine Entschädigung entlassen. Auch das Beamtengesetz, dass die Beschäftigung »türkischer Staatsbürger« vorschrieb, wurde in der Praxis so angewandt, dass Nicht-Muslime zu Tausenden ihre Arbeit im öffentlichen Sektor verloren.

 

Schwierigkeiten für jüdische Flüchtlinge aus Nazideutschland

Auch für Deutsche, die in der Türkei im Exil lebten, waren die Berufssperren ein enormes Hindernis. Sie bemühten sich, Berufe ausfindig zu machen, die von den Verboten nicht betroffen waren oder versuchten Gesetzeslücken auszunutzen. Einige – vor allem Frauen – erwarben durch Heirat mit türkischen Männern ein Aufenthaltsrecht. Wenn die türkischen Stellen jedoch erfuhren, dass es sich um eine »Scheinehe« handelte, drohte ihnen die Ausweisung.

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