Achmed Talib

Achmed Talib ist sechzehn, als er sich aufmacht. Er lässt seine Heimat Konstantinopel hinter sich und geht nach Deutschland. Im April 1917 kommt er in Berlin an und fährt gleich weiter nach Fürstenwalde.

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Kindheit am Bosporus

Als Achmed Talib am 1. März 1901 in Istanbul geboren wird, heißt es noch Konstantinopel und ist die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Er kommt als Sohn eines Kaufmanns zur Welt, sein Vater betreibt ein Geschäft für Kühleis und eines für Schuhcreme. Die Talibs gehören zur gehobenen Mittelschicht, so dass Achmed eine gute Bildung bekommt und acht Jahre lang die Schule besuchen kann, was für die damalige Zeit außergewöhnlich lang ist.

Achmeds Mutter stirbt, als er drei Jahre alt ist. Der Vater heiratet neu und gibt den Jungen später in Pflege zu seinem Bruder, weil der sich nicht mit seiner Stiefmutter versteht. Als Achmed vierzehn ist, wird er zum Vollwaisen: Sein Vater stirbt 1915 im Ersten Weltkrieg als Offizier des Osmanischen Reiches in den Kämpfen bei den Dardanellen. Kurz darauf hört Achmed davon, dass die Deutsch-Türkische Vereinigung Jugendliche zur Ausbildung nach Deutschland schickt. Er ist sechzehn, als er sich auf das große Abenteuer einlässt.

 

Aus neuem Leben wird neue Heimat

Zehn Tage lang ist der Zug unterwegs, mit dem Achmed im April 1917 in Berlin ankommt. Er wird nach Fürstenwalde in Brandenburg geschickt und ahnt damals nicht, dass er Istanbul nie wiedersehen und die Kleinstadt an der Spree seine neue Heimat werden wird. Von nun an geht Achmed beim Schuhmachermeister Albert Pöthke in die Lehre, zusammen mit drei deutschen Jugendlichen, die wie er bei ihrem Meister wohnen. Achmed lernt schnell Deutsch und lebt sich gut ein.

1923 muss Achmed seinen Meister verlassen, da dieser einen neuen Lehrling aufnimmt. Einige Jahre hält er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und wird schließlich arbeitslos. Achmed beschließt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Er verkauft seine Möbel und eröffnet mit dem Geld in Fürstenwalde eine eigene kleine Schuhmacherwerkstatt. Zudem hat er sich verlobt, mit Anna Höhnow, die als Dienstmädchen in Berliner Haushalten arbeitet. 1927 kommt der gemeinsame Sohn Rudi Achmed Höhnow zur Welt. Achmed ist in Fürstenwalde sesshaft geworden.

 

Krisenjahre

Die Lebensumstände der kleinen Familie sind in diesen Jahren allerdings schwierig: Durch ein Gesetz verliert Achmed die türkische Staatsbürgerschaft. Zwar beantragt er umgehend die deutsche Staatsangehörigkeit, aber die Bearbeitung zieht sich so lange hin, dass er mit dem Machtantritt Hitlers 1933 erst einmal gar keine Chancen mehr auf eine Einbürgerung hat. Sein Antrag wird abgelehnt, Achmed ist staatenlos. Das ist auch der Grund, wieso Achmed und Anna unverheiratet bleiben. Erst 1933 ziehen sie in eine gemeinsame Wohnung.

In der NS-Zeit ist Achmed als staatenloser Ausländer zwar geduldet, muss aber jederzeit damit rechnen, ausgewiesen zu werden. Es ist sein Glück, dass die Türkei fast bis zum Kriegsende neutral bleibt, dennoch hat er als Migrant aus der Türkei damals keinen leichten Stand. Die Familie Talib-Höhnow versucht, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Sohn Rudi wächst deshalb einsprachig Deutsch auf. In den Nachkriegsjahren ist die rechtliche Lage noch unsicherer: Seine Aufenthaltsgenehmigungen werden zum Teil nur für zwei Wochen erteilt. 1961 wird er schließlich von der DDR eingebürgert.

 

Achmed aus Fürstenwalde

In das gesellschaftliche Leben von Fürstenwalde ist Achmed damals schon lange gut integriert. So ist er gern gesehen; sei es bei den Kleingärtnern, im Radfahrerverein oder im Raucherklub. Als Schuhmachermeister bildet er nun selbst Lehrlinge aus, unter anderem seinen Sohn Rudi. 1953 und 1957 werden dessen Kinder Beate und Jörg geboren. Mittlerweile gibt es vier Urenkel Achmeds.

Mitte der 60er Jahre bekommt Achmed Besuch aus der Türkei: Seine Schwester Hüriye verbringt einige Zeit bei ihm in Fürstenwalde. Ihr Sohn ist als »Gastarbeiter« nach Stuttgart gegangen und Hüriye nutzt die Gelegenheit einer Deutschlandreise, nach fast fünfzig Jahren auch ihren Bruder wiederzusehen.

Achmed bleibt Zeit seines Lebens gläubiger Moslem, passt seinen Glauben aber der Umgebung an: Er isst Schweinefleisch, und da es keine Moschee gibt, geht er an den Feiertagen mit seiner Familie in die protestantische Kirche. Achmed stirbt 1983, er wird mit einem Koran an der Seite in Fürstenwalde beerdigt.

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